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Protest aus dem Stand

Wie protestieren, wenn ein Staat das kritische Wort verbietet? Erdem Gündüz fand eine denkwürdige Antwort: schweigen.

Im Juni 2013 ist Istanbul eine müde Stadt mit leerem Herzen. Ausgezehrt von wochenlangen Protesten gegen Recep Tayyip Erdoğan, versuchen sie es trotzdem immer weiter, auch wenn sie getroffen sind, von Tränengas und Gummigeschossen.

In diesen Tagen geht es den Bürger*innen der Stadt viel um Raum, sie stellen die Frage nach der Öffentlichkeit von Plätzen und dem Anrecht darauf. Gibt es ein Grundrecht auf die Stadt? Wenn ja: Hat Erdoğan dieses verletzt, als er auch den letzten städtischen Park der Privatisierung preisgeben wollte? Die Kollektivbewegung, die in den letzten Wochen des Sommers die Stadt durchzog, konnte man als verkörperlichte Antwort, als ausdrückliche Bejahung dieser Frage verstehen. Ja, er hat verletzt. Nicht nur ihre protestierenden Körper, sondern auch den Geist der Stadt, ihre Forderung nach Anerkennung, ihr Recht auf Gesehen- und Gehörtwerden.

18. Juni, 18.00 Uhr. Auch der Taksim-Platz, unweit des Ursprungsprotestzentrums Gezi-Park, ist nach tagelangen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Protestler*innen leer gefegt. Erdoğan hatte das Recht auf Versammlungsfreiheit untergraben und die Möglichkeit freier Zusammenkünfte von mehr als sieben Menschen auf öffentlichen Plätzen verboten — ungeachtet der Tatsache, dass das Recht auf Versammlungsfreiheit sowohl in Artikel 12 der Europäischen Grundrechtcharta als auch in Artikel 11 der Europäischen Menschenrechtskonvention als unveräußerliches Grundrecht verankert ist. „Jede Person“, heißt es da, „hat das Recht, sich insbesondere im politischen, gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Bereich auf allen Ebenen frei und friedlich mit anderen zu versammeln und frei mit anderen zusammenzuschließen […].“

In Istanbul sieht die Wirklichkeit anders aus. Innerhalb der aufgezwungenen Trägheit scheint es hier heute weder ein Recht auf die Stadt zu geben, das in irgendeiner Form einer materiellen Realität entspräche, noch ein „We, the people“ auf dem Platz.

Am Abend des 18. schwirren also nur vereinzelte Umrisse vorbeiziehender Flaneure hin und her. Der schwach-warme Lichtschimmer der Laternen kann kaum verhindern, dass die Tristesse des grau asphaltierten Platzes überwiegt. Von Weitem lässt sich unter den flüchtig daherhuschenden Schatten nur die feste Silhouette eines einzelnen Individuums erahnen. Auf den etwa schulterbreit auseinandergestellten Beinen ruht das Kreuz des Rückens in geradliniger Aufrichtigkeit, wie ein umgedrehtes Y beansprucht der Körper einen winzigen Quadratmeter politisch-öffentlichen Raumes für sich.