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Woanders bist du tot

Immer, wenn sich eine einzigartige Möglichkeit ergibt, teilt sich das Universum in mehrere Richtungen. Eine Idee zu möglichen Welten.

Als ich dich anschaute, dachte ich, du wärst tot. Du hattest ganz blaue Lippen. Deine Zunge drückte heftig gegen deine Zähne, so, als wollte sie aus deinem Mund abhauen. Ich hielt dich, fernab von Zeit, und wir hingen fest, irgendwo zwischen dieser Welt und einer anderen. Ich rief deinen Namen, immer wieder, als könnte dich das retten. Wir waren 17, du warst meine beste Freundin. Ich sah dich an und erkannte dein wahres Ich, dein Ich-Ich, tatsächlich, wie es von innen gegen dein Skelett drückte, dir zu entkommen suchte wie deine Zunge aus deinem Mund. Ich drückte dich auf und in den Beton. Ich drückte dich zurück in deinen Körper. Wir waren weit weg von zuhause. Die Drogen wirkten noch. Unser High kam am Strand, aber noch immer halluzinierten wir. Näher bin ich der Hölle in meinem Leben noch nicht gekommen. Aber die Hölle war blau, nicht rot, wie man denkt. Es war schweinekalt, obwohl es fast 30 Grad waren. Du hattest noch Sand an dir, deine Haut war glatt wie Fischflossen. Wie eine Meerjungfrau sahst du aus, heute. Deine schwarzen Haare leckten an der Brandung, die Wellen küssten dich mütterlich. Ich will gut sein, ich verspreche es, dachte ich. Wenn du nur die Augen aufmachst. Ich werde immer gut sein, für immer. In diesem Moment, in diesem Universum, öffnetest du deine Augen. In einer anderen Version dieser Geschichte gingen deine Augen nicht mehr auf. Ich schleppte dich über die Autobahnbrücke, wo wir gekifft hatten, wo wir vorbeifahrende Autos angespuckt hatten. Ich begrub deinen Körper in der Nähe der Sandburg, die wir gebaut und wieder zerstört hatten. Es ist wie in der „Viele-Welten-Theorie“: Immer, wenn sich eine einzigartige Möglichkeit ergibt, teilt sich das Universum in mehrere Richtungen. Die möglichen Versionen unserer Selbst und unserer Leben sind dann unendlich. Und trotzdem sind wir in unserer Gegenwart gefangen. Auch wenn wir glauben, dass diese unendlichen Versionen und Universen in anderen Dimensionen existieren, ist es doch, als tanzten wir mit Geistern. Später, als wir runterkamen, braun gebrannt und in Tanktops, saßen wir an der Bar, stoned, tranken Bier. Wir waren hier, zusammen und nicht woanders. Aber kleine Teile von uns waren dort an diesem Strand geblieben. Wie Muscheln, die in das Meer hinaus gespült werden.

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