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Ungeziefer

Ohne Gott hätte sich niemand die Sache mit den Blüten und den Bienen näher angeschaut: Irrelevanz als theologisches Problem.

God, in his wisdom, made the Fly.
And then forgot to tell us why.

Ogden Nash (1902–1971)

Wie entstehen Dinge von Belang? Mir scheint, man kann zwei Fälle unterscheiden. Im ersten Fall entsteht die Relevanz gleichsam aus dem Nichts. Was nun auf einmal wichtig wird, war zuvor nicht von Bedeutung — und dass es existierte, fiel vielleicht überhaupt niemandem auf. Nehmen wir die Zufallsentdeckung des Penizillins: Die Pilze in den Petrischalen hatten keinerlei Bedeutung, sie waren lediglich ein Zeichen dafür, dass Alexander Fleming sie zu lange irgendwo herumstehen ließ. Bis er auf einmal bemerkte, dass diese Pilze antibiotisch wirken, das heißt Keime und Erreger abtöten. In der Geschichte der Medizin war das eine Revolution — und das Penizillin war seitdem nicht mehr wegzudenken.

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Was diesen ersten Fall anbelangt, kann man getrost auf die in unserer heutigen Gesellschaft vorherrschende Tendenz vertrauen, dass etwas, das neu ist, interessant gefunden wird. Novitäten finden Beachtung. (Peter Sloterdijk nennt das die Neophilie der Moderne.) Für den zweiten Fall gilt das nicht. Das ist ungefähr so, wie eine Band neu für sich zu entdecken. Ich erzähle allen Leuten davon, aber die winken ab: Sie kennen sie schon längst und halten sie für unwichtig. Ich werde an der Stelle wesentlich mehr Überzeugungskraft aufbieten müssen, als wenn es sich um Musik handelte, von der noch niemand je gehört hat.

Der zweite Fall liegt komplizierter und ist — wie so oft, wenn’s komplizierter wird — interessanter. In diesem Fall kommt ein Gegenstand zu Relevanz, der zuvor dezidiert als irrelevant abgetan wurde. Er war also nicht nur irrelevant in dem Sinne, dass er, wie der Penizillin-Effekt, nicht bekannt war — sondern er war geradezu dafür bekannt, völlig unwichtig zu sein. Hier hat es die Relevanz schwerer, zu ihrem Recht zu kommen. Während schematisch im ersten Fall ein Vogel einfach zum offenen Fenster hineingeflattert kommt, ähnelt der zweite Fall einem Phönix, der mühsam aus der Asche aufersteht. Und jetzt kommen wir endlich zu den Insekten.

Ohne Insekten müssten wir wieder auf Bäume klettern, um Kirschblüten zu befruchten.

Anders als der amerikanische Dichter Ogden Nash es in seinem oben zitierten Zweizeiler behauptet, wissen wir heute sehr gut, wozu Insekten da sind. 80 Prozent aller Blütenpflanzen sind auf Bestäubung durch die Krabbeltiere angewiesen. Ohne Insekten müssten wir wieder auf Bäume klettern, um Kirschblüten zu befruchten. Diese Drohkulisse wurde erst letztes Jahr wieder aufgefahren, als eine Studie bestätigte, dass die Biomasse von Insekten in Deutschland über die letzten 25 Jahre um 78 Prozent zurückgegangen ist. Zwar ist bislang keine Lösung für das Problem in Sicht, doch zumindest war man sich darüber einig, dass diese Meldung von höchster Bedeutung sei.

So unmittelbar einleuchtend war die Existenz der Insekten nicht immer. Noch bis ins späte 17. Jahrhundert hinein gab die Existenz von Insekten denen, die sich mit ihnen befassten, Rätsel auf. Wie das Leben der kleinen Wesen mit der Bestäubung von Blüten im Einzelnen zusammenhing, erschloss sich unseren Ahnen nicht. Insekten waren vor allem eins: lästig und unnütz, und noch dazu meist in großer Anzahl vorhanden. Man beobachtete, dass sich sogar Pferde auf Sommerwiesen schräg nebeneinander stellten, um sich gegenseitig mit ihrem Schweif die Schmeißfliegen aus den Augen zu vertreiben. Insekten galten als Tiere, die sogar von anderen Tieren als störend empfunden werden. Sie waren also nicht nur in dem Sinne irrelevant wie es Flemings Pilze vor ihrer medizinischen Verwendung waren. Nein, jeder kannte Insekten. Insekten, wenn sie nicht gerade lustig anzuschauen waren wie Marienkäfer oder Hummeln, hatten einen Namen, der eigentlich schon alles über ihren Status und ihre Reputation sagt: Ungeziefer. Insekten waren das Unkraut der Fauna.

Die göttliche Schöpfung hat keine Softwarefehler.

Wie kam es also, dass man die Bewandtnis von Insekten erkannte? Ihre Relevanz konnte sich schließlich nicht einfach aus sich heraus entwickeln, weil die Irrelevanz die ihnen zugeschriebene Eigenschaft war. Sie musste über einen Umweg entstehen: Erst über eine Problematisierung der (als bekannt vorausgesetzten) Irrelevanz zeigt sich die eigentliche Bedeutsamkeit. Die Irrelevanz der Insekten wurde durch die christliche Theologie zum Problem. Die göttliche Schöpfung hat keine Softwarefehler, keine — wenn man so will — „bugs“. Alles hat einen Sinn und einen Grund. Mit Albert Einstein gesprochen: Gott würfelt nicht. Und er würfelt erst recht kein Lebewesen zusammen, das, anstatt eine gewisse Rolle im Ganzen einzunehmen, den anderen Geschöpfen zur Last fällt.

Das Interesse europäischer Wissenschaftler an Insekten war durch diese Überlegung geweckt. Zu jener Zeit waren nicht wenige Wissenschaftler Theologen — sogar Charles Darwin kam bekanntlich nur auf einen universitären Abschluss im Fach Theologie. Insekten wurden gesammelt, vermessen, systematisiert. Das war, vereinfacht dargestellt, der Anfang der Entomologie, der Insektenkunde. Es blieb nicht aus, dass mit zunehmendem Wissen die ganze Tragweite der Insektenexistenz für die Umwelt zu Tage trat. Und paradoxerweise wurden sie damit für manch einen Autor ausgerechnet zum Sinnbild für die Perfektion der Schöpfung. So veröffentlichte Friedrich Christian Lesser im Jahre 1738 seine „Insecto-Theologia“, mit schönstem Untertitel:

Vernunfft- und Schrifftmäßiger
Versuch
Wie ein Mensch durch aufmercksame Betrach-
tung derer sonst wenig geachteten
Insecten
Zu lebendiger Erkänntniß und Bewunderung der Allmacht,
Weißheit, der Güte und Gerechtigkeit des grossen
Gottes gelangen könne.

Die Insekten, an denen zunächst kaum jemand Interesse zeigte, erwarben sich in den Augen der Menschen Meriten. Ihre zunächst angenommene Irrelevanz hatte sich als Problem herausgestellt. Dabei sei dahingestellt, ob man einen Gott braucht, um Belanglosigkeit zu problematisieren. Wichtig ist an der Stelle vor allem, dass sich aus der Geschichte eine Lehre ziehen lässt: Will man jemandem oder etwas, das in der Öffentlichkeit zu kurz kommt, zu Relevanz verhelfen, kann es strategisch sinnvoll sein, nicht auf diese Relevanz zu pochen (indem man beispielsweise exzessiv Online-Petitionen unterschreibt). Aufzuzeigen, inwiefern die Irrelevanz ein Problem darstellt, könnte das wirkungsvollere Vorgehen sein.