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Tab, Cap & Pad

Auflösung läuft nirgends so symphonisch wie in der häuslichen Geschirrspülmaschine.

Auch wenn es den Schlummer des Gesteins zu schlafen scheint, zeugt an ihm dennoch etwas vom Brodeln eines tiefen inneren Konflikts. Fast ist es, als wäre in ihm die rote, geschliffene Perle zu einer illegitimen Ehe mit dem schroffen, blauen Granulat gezwungen, als hätten gewaltige geologische Kräfte die zwei feindseligen Formen aneinandergefesselt und unter enormem Druck in einem einzigen Fossilienkörper gebannt.

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Selbst in seinem kristallinen Ruhezustand trägt das Geschirrspültab diese quälende Spannung zwischen dem Runden und dem Kantigen aus, die immer schon voller Ungeduld dem Augenblick der Auflösung und Freisetzung entgegenfiebert. Seine ganze Energie ist wie in ein mineralisches Verlies gezwungen, seine ganze Kraft gestaut unter der trockenen Kruste und dennoch bereit, beim geringsten Anlass daraus hervorzubrechen.

Die Trockenheit des Tabs gleicht daher nicht etwa der des Sandes oder des Staubs, vielmehr der des Schwarzpulvers, das nur auf die folgenschwere Begegnung mit einem anderen Stoff wartet, um seine explosive Dynamik zu entfalten. Im ruhenden Tab gärt also, wenn auch verborgen, zugleich die Unruhe des Zwiespalts und die Bereitschaft zur Reaktion.

Unerbittlich zieht dieser kathartische Sturm über das Schmutzgeschirr hinweg

Doch erst das Bad im Wasser bringt das Unrecht vollends zutage, mit dem die Kräfte der Kompression zwei so flüchtige Stoffe in einem steinernen Gefängnis eingeschlossen hielten. Im nassen Element beginnt brausend und schäumend ein wahres Schauspiel der Entladung, wobei Myriaden aufsteigender Bläschen ein unbezweifelbares Zeichen chemischer Aktivität liefern.

Es ist der blaue Sockel des Tabs, der als erster die erzwungene Allianz aufkündigt, seinen spröden Panzer sprengt und sich wie ein Strom aus glitzerndem Salz ins Becken der Spülmaschine ergießt. Der massive Block verflüchtigt sich in einem Strudel aus feinen Körnchen, die der Weichheit des Wassers etwas Raues und Scheuerndes hinzufügen, ihm jene sanfte und doch elementare Gewalt verleihen, ohne die eine wirkliche Reinigung nicht vorstellbar ist.

Unerbittlich zieht dieser kathartische Sturm über das Schmutzgeschirr hinweg und hinterlässt das Bild einer geläuterten Porzellanlandschaft, die in nachgewittriger Klarheit erglänzt.

Entlädt sich aus dem Mantel des Tabs also ein säuberndes Unwetter, dessen raues Temperament eindeutig die grobe Arbeit der Bürste vertritt, so sitzt im Herzen des Tabs ein ungleich sublimerer Wirkstoff: In Gestalt eines roten Feuerballs, der sich leuchtend aus den Wolken des aufgewirbelten Pulvers erhebt, erstrahlt dort, seiner porösen Schale entkleidet, der messianische Kern dieses Reinlichkeitsmythos.

Ohne jedes Vorbild aus der Welt des manuellen Spülens muss diese geballte Materie wie die Herabkunft einer überirdischen Strahlkraft erscheinen, wie der Auftritt eines endgültigen Glanzes, der das Wasserbecken ringsum in ein apokalyptisches Morgenrot taucht. Mit dem tragischen Stolz einer sterbenden Sonne schwillt die Kugel bis an die Grenzen ihrer Dehnbarkeit an und spannt ihre Oberfläche zur finalen Verausgabung.

Nach einem winzigen Augenblick der Verzögerung — einer bedeutungsvollen Pause, die so kurz vor der Befreiung noch einmal an die lange Zeit der irdischen Gefangenschaft zu erinnern scheint — bricht aus dem aufgeblähten Gestirn ein pures Licht hervor, in dem sich seine gesamte Masse restlos verzehrt. Obschon bereits die Leistung des Granulats an Eifer und Gründlichkeit nichts vermissen ließ, bedarf es doch noch dieser blitzartigen Entladung, dieser kosmischen Katastrophe, um das Reich der Hygiene zu überschreiten und in das der Reinheit vorzudringen. Später, beim Öffnen der Spülmaschine, wird uns nur ein zartes Funkeln auf jedem unserer Teller dieses phantastische Ereignis bezeugen.

Im Stillen beglückwünschen wir uns dann für die Entscheidung, dem archaischen Pulver abgeschworen zu haben, diesem faulen Zauber des Zerstampften und Zerriebenen, diesem schamanischen Aberglauben, den man uns jahrzehntelang in die Augen gestreut hat. In jenem dunklen Zeitalter war das strahlende Tab aufgetreten wie eine überfälliger Prophetin, einer, der*die endlich den Hokuspokus des Pulvers brach, die Puderdosen umstürzte, die Praktiken der Prise untersagte und an die Stelle des Verstreuten einen einzigen Leib setzte. Seitdem steht alles Pulverförmige eher im Ruf der Mixtur, der Magie, der Droge, der Zerstreuung; dagegen erscheint die eine Tablette stets wie eine heilsame, genau bemessene Dosis, eine lindernde, vielleicht sogar rettende Gabe — im medizinischen Sinne — oder Hin-Gabe, im religiösen Sinne des Wortes.

Eine schwere sterbliche Hülle, an der sich das Geschehen der Auflösung in eines der Erlösung wenden kann

Letztlich mag zwar das Wasserbad all die feinen theologischen Unterschiede zwischen Pulver und Tab beseitigen — sind sie doch beide gleichermaßen zur Auflösung verurteilt —, aber einzig das Tab besitzt einen anfänglichen Körper, eine schwere sterbliche Hülle, an der sich das Geschehen der Auflösung in eines der Erlösung wenden kann. Aber weit noch über den Schauplatz der Spülmaschine hinaus gerinnen allerlei Pulver heute zu erlösungsbedürftigen Substanzen und tauschen die zufällige Ordnung der Körnchen gegen die klare Mission eines kernigen Körpers.

So erobert mit dem Waschmaschinencap ein weiterer Opfermythos das Schlachtfeld des Haushalts: Bis zum Bersten ist dieses zitrusgrüne Geschoss mit einem giftigen Sirup angefüllt, einem zugleich verführerisch schimmernden und gefährlich glitzernden Wirkstoff, den nur ein dünnes, straff gespanntes Häutchen im Zaum zu halten versucht. Als heillos überforderter Kissenbezug presst es seine instabile Fracht in die Form eines knallengen Kostüms — der Cap, ein zum Platzen bereites Muskelpaket, ein grüner aufgeblasener Superheld mit stolzgeschwellter Brust, dessen steroide Eitelkeit weit vom tragischen Gestus des Tabs entfernt ist.

Doch wie bereits das Tab erhält auch der Cap die Würde des Wohlgeformten nur, damit er sie später umso effektvoller verlieren kann: Denn beim Eintritt ins Wasser zerreißt er seine transparente Zwangsjacke und entfesselt ein fluoreszierendes Feuerwerk, eine Art prahlerische Kraftprobe, die den Rotweinfleck zunächst psychologisch demoralisieren soll, bevor der Cap sich ihm heroisch entgegenwirft. Mit der fatalen Entschlossenheit einer zielsuchenden Rakete schlägt sodann die grüne Faust im Kleidungsstück ein und radiert sich und den Fleck mit einem Mal restlos aus. Die mutige Hingabe des Caps verkörpert dabei weniger ein Erlöser- als vielmehr ein Draufgängertum, folgt weniger einer messianischen als einer militärischen Mythologie der Aufopferung. So haben wir die Verhexungen des Pulvers überwunden, bloß um in einen Fanatismus der Pulverisierung einzutreten.

Doch dieses Spektakel der Zerstäubung, das uns im Falle des Tabs zu auserwählten Zeugen eines Offenbarungsgeschehens werden ließ und im Falle des Caps zu privilegierten Zuschauern eines Waffentests, dieser ganze Pathos des Wirkungsbeweises verschwindet vollständig mit dem Kaffeepad: Unsichtbar hat man hier das Pulver im Bauch eines weißen, unscheinbaren Beutels verstaut und kein extravaganter Enthüllungsmoment bringt es dieses Mal zum Vorschein. Kein phantastischer Innenraum, hier eröffnet sich keine weitläufige Arena hinter der Verschalung eines Haushaltsgeräts.

Dem Pad liegt all der Pomp des großen Auftritts fern, den sich Tab und Cap bei ihren Performances zu eigen machten, es geht im Gegenteil hinter verschlossenen Türen ans Werk, in der opaken Kammer der Kaffeemaschine, als lichtscheuer Wohltäter und anonymer Aromaspender. Ein allürenloses, ja bescheidenes Phantom, das keine Kraft vergeudet für Posen und Pyrotechnik, das sich ganz beflissen seiner Pflichterfüllung widmet und für den lärmenden Spuk seiner Kollegen nur Missbilligung übrig hat. In der ergebenen Heimlichkeit des Pads erreicht die Selbstlosigkeit unserer Haushaltshilfen allen Blicken entzogen ihren rührenden Höhepunkt.

Erst viel später, beim Öffnen der Kaffeemaschine, wird uns die jämmerliche Schlaff heit seines ausgedienten Körpers vielleicht endlich jede Romantik des Opfers austreiben.