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Oh! You Pretty Things

Von der Kindheit als Rückwärtsutopie

Mit vier, fünf Jahren rum spielte ich mit einem Piratenschiff von Playmobil. Es war vom Flohmarkt an der Ludwigskirche in Saarbrücken, also keines dieser viel schnittigeren Schiffe des Gouverneurs, die ich im Katalog gesehen hatte, sondern ein altes, klobiges, mit schwergängig knirschenden Rollen unter dem Bauch, mit einem Segel aus gelblichem, festen Tuch, einem Ausguck auf dem Mast, einem Steuerrad, das sich ein wenig zu leichtgängig drehte. Es war oben auf der Kommandobrücke, und die konnte man abnehmen: Dann kam darunter, dunkel, aber glanzvoller, mit dunkelbraunem Plastikholz getäfelt, die Kajüte des Piratenkapitäns ans Licht. Er saß gern da unten, während sein Steuermann Kurs hielt, und trank Whiskey aus einer Plastikglasflasche, den er mit seinen Playmobilpranken von weit hoch über dem Kopf sich in den Mund laufen ließ. Als ich ein wenig älter war, erhielt mein Vater endlich eine Festanstellung. Für mein Kinderzimmer bedeutete das eine Explosion in Plastik: Noch immer bastelten Papa und ich aus Styropor Felsen für die Indianer und die verbündeten Trapper, aber der Drache der Ritterburgwelt wohnte schon in Kunststoff. Irgendwann gab es auch ein neues Schiff, vermutlich eher Pirat als Gouverneur, und das Flohmarktschiff landete vermutlich im Raum unter der Treppe, wo mittlerweile vier Kindheiten lagern, die meiner Eltern, meines Bruders und meine, ein Raum, der nicht einmal einen Namen hat in der Nomenklatur meines Elternhauses.