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Oh! You Pretty Things

Von der Kindheit als Rückwärtsutopie

Mit vier, fünf Jahren rum spielte ich mit einem Piratenschiff von Playmobil. Es war vom Flohmarkt an der Ludwigskirche in Saarbrücken, also keines dieser viel schnittigeren Schiffe des Gouverneurs, die ich im Katalog gesehen hatte, sondern ein altes, klobiges, mit schwergängig knirschenden Rollen unter dem Bauch, mit einem Segel aus gelblichem, festen Tuch, einem Ausguck auf dem Mast, einem Steuerrad, das sich ein wenig zu leichtgängig drehte. Es war oben auf der Kommandobrücke, und die konnte man abnehmen: Dann kam darunter, dunkel, aber glanzvoller, mit dunkelbraunem Plastikholz getäfelt, die Kajüte des Piratenkapitäns ans Licht. Er saß gern da unten, während sein Steuermann Kurs hielt, und trank Whiskey aus einer Plastikglasflasche, den er mit seinen Playmobilpranken von weit hoch über dem Kopf sich in den Mund laufen ließ. Als ich ein wenig älter war, erhielt mein Vater endlich eine Festanstellung. Für mein Kinderzimmer bedeutete das eine Explosion in Plastik: Noch immer bastelten Papa und ich aus Styropor Felsen für die Indianer und die verbündeten Trapper, aber der Drache der Ritterburgwelt wohnte schon in Kunststoff. Irgendwann gab es auch ein neues Schiff, vermutlich eher Pirat als Gouverneur, und das Flohmarktschiff landete vermutlich im Raum unter der Treppe, wo mittlerweile vier Kindheiten lagern, die meiner Eltern, meines Bruders und meine, ein Raum, der nicht einmal einen Namen hat in der Nomenklatur meines Elternhauses.

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Wäre dieser Text eine Party voller Twenty- bis Thirtysomethings, auf der ich niemanden kennte, wäre dieses Schiff vermutlich ein guter Einstieg ins Gespräch. Kindheitserinnerungen: Der last resort einer Generation, die sich einfach nicht mit sich darüber einig sein will, was sie sein kann und für was sie steht. Und so verzweifelt danach sucht, dass beinahe jedes Detail in den Status dessen rücken kann, was der Generation X das X war. So verzweifelt, dass aus der individuellen Erfahrung eines imaginären, aber symptomatischen Generationstext-Autors, ein Playmobilschiff besessen zu haben, ein „typisch“ wird, das nicht fragt, wie viele Menschen wirklich ein solches Schiff besessen haben. Und wie viele eben keines. Generation ist ein Phantasma, das in der Gleichung besteht, geteilte Geburtsjahrgänge bedeuteten geteilte Erfahrungen. Aber eines auch, das sehr konkret Gemeinschaft und Gemeinsamkeiten performativ herstellt. Flirts, die bei Kindheitsserien landen, dürfen zwar gescheitert genannt werden. Aber Gruppen fügen sich so doch zusammen: TKKG, die Drei ???, He-Man, die Teenage Mutant Ninja Turtles, Bibi Blocksberg, Kommissar Kugelblitz, Super Mario Bros. 2, Michael Jordan, Icke Häßler, David Hasselhoff, Michael Jackson, schließlich der Pop-Sommer der 90er: Bilder von Love Parade, jubelnden Grünen, believing in life after love.

Wo wir uns treffen, so scheint es, scheint es nichts zu geben, was uns mehr miteinander verbindet als gemeinsame Erinnerungen. Und seien sie noch so falsch erinnert. Was uns verbindet, scheint nicht so sehr durch unsere gegenwärtigen Lebensumstände bestimmt, sondern durch angenommene Erfahrungen, die vor den wie frei auch immer getroffenen Entscheidungen liegen, wie wir dieses Leben führen wollen. War das auch früher so? Sicher. In gleichem Maße? I doubt it.

Wo wir uns treffen, so scheint es, scheint es nichts zu geben, was uns mehr miteinander verbindet als gemeinsame Erinnerungen. Und seien sie noch so falsch erinnert.

Dass eine als „glücklich“ und „rein“ imaginierte Kindheit beste Voraussetzungen hat, individuell im Rückblick idealisiert zu werden, ist allzu verständlich. Nostalgie ist sicher kein postmodernes Phänomen. Der Schlitten Rosebud, in Orson Welles’ Kapitalistenschelte „Citizen Kane“ (1941), der der Titelfigur auf dem Sterbebett zum Symbol der verlorenen Kindheit wird, oder Marcel Prousts Madeleine-Kuchen, der in der „Suche nach der verlorenen Zeit“ (1913–1927) Erinnerungen an die Kindheit triggert, sind nur zwei Beispiele.

Bloß rief Proust keine „Generation Madeleine“ aus. Angesichts des Ersten Weltkriegs, der immerhin der Katalysator der ersten Generations-Taufe ist, der „Lost Generation“, gäbe es da möglicherweise sowieso andere Namenspaten. Heute gibt es eine noch größere Vielzahl von Namenspaten — und eine vergemeinschaftende Kindheit. Es steht zu vermuten, dass das an einem prozesshaften Bedeutungswandel des Verständnisses von Kindheit liegt. Und, ja, auch am fehlenden Krieg.

Kindheit selbst ist ein recht junges Konzept. Ihre Entwicklung ist für den Historiker Philippe Ariès, der 1960 eine „Geschichte der Kindheit“ veröffentlichte, eine der zunehmenden Ausgrenzung, Gewalt und Disziplinierung — die, wie alles, was ein Anderes schafft, Begehren und Ekel zugleich produziert. War ein Kind lange vor allem dadurch definiert, dass es abhängig war und keinen eigenständigen Platz in der Gesellschaft einnahm — der wurde Menschen ab ungefähr einem Alter von sieben Jahren zugestanden —, entstand spätestens im 17. Jahrhundert ein neues Konzept. Statt kleiner Erwachsener, die zwischen großen Erwachsenen ihre Rolle erfüllten, entdeckte man in der frühen Neuzeit ein spezifisch Kindliches.

Das ab dem 16. Jahrhundert von Kindern aller Geschlechter getragene Kinderkleid verweist auf den Gedanken der Asexualität der Kindheit, bevor mit dem Erwachsenwerden geschlechtsspezifische Kleidung angemessen scheint — Kindheit wird zunehmend mit Unschuld assoziiert, das Kind zum Symbol der Reinheit der Seele. Diese Betonung der kindlichen Unschuld kettete letztendlich Sexualität und kindlichen Körper aneinander. Dass dieser Fetisch zuletzt auch von einer Modeindustrie bedient wurde, deren Ideal immer näher auf den androgynen, kindlichen Körper zustrebt, dass das Alter der behaupteten maximalen Attraktivität und das des größtmöglichen sexuellen Tabus direkt aneinandergrenzen, dass Figuren wie Britney Spears oder Miley Cyrus sich selbst über eine quasi nach hinten, ins Schulmädchenhafte, verlegte Sexualität vermarkten oder vermarktet werden und so sowohl Erwachsene als auch Kinder ansprechen — Hinweise darauf, dass auch Marktökonomie nicht losgelöst davon zu betrachten ist. Ist doch schon das Konzept „Teenage“ wiederum im Grunde längst als Marketinggag der Nachkriegsordnung entlarvt. Warum ist ausgerechnet dieses verminte Gelände der Ort, zu dem sich eine Generation zurückzieht? Vermutlich: Weil es keinen Ort voraus gibt, der weniger vermint wäre.

Der Psychiater Erich Wulff stellt im Essay „Überlegungssplitter zum Thema Pädophilie“ (2011) fest, dass die Intensität jener seit den 1980ern immer heftiger geführten Debatten um die Verbindung von Sexualität und Kindheit, geht es nun um grüne Kindergärten oder schwäbischen Aufklärungsunterricht, nicht nur in der zunehmenden Durchsetzung der Elternliebe als emotionale Norm begründet ist. Sondern vielmehr an Dringlichkeit gewinnt, je weiter fortgeschritten säkular die Gesellschaft strukturiert ist. Kinder verbleiben in dieser Säkulargesellschaft die einzige Projektionsfläche des Lebens über den Tod hinaus. Sie füllen eine Leerstelle, die der überwundene Jenseitsglaube hinterlässt.

Wir müssen darüber reden, warum wir uns lieber als Besitzer*innen eines Plastikpiratenschiffs einander annähern, als zusammen Pirat*innen zu werden.

Das utopische Potenzial von Kindern geht aber in beide Richtungen. Sie müssen beschützt werden, denn eine „Verunreinigung“ ihrer Unschuld hätte negative Auswirkungen auch auf das eigene Leben. Wo keine Seele überlebt, überlebt die genetische Doppelhelix im Kinderkörper, sicher. Aber im Kind überlebt darüber hinaus als Projektion auch das, was den Erwachsenen verloren scheint. Wo keine Utopie nach vorn projiziert werden kann, wird sie nach hinten projiziert. Das betrifft nicht nur die Kindheit der Kinder, sondern auch die Kindheit der Erwachsenen, die im Kind erneut gelebt wird. Kindheit erscheint immer mehr als das Biotop, in dem das reale Leben gelebt werden konnte.

Entgegen Ariès’ These, die Entwicklung des Kindheitsdiskurses sei die zunehmender Unterdrückung, denkt das Subjekt der kapitalistischen Gegenwart seine Kindheit als verlorene Glückseligkeit: frei von wirtschaftlichen Zwängen, von sexueller Selbstausbeutung. Wo diese Glückseligkeit selbst nicht mehr erreicht werden kann, müssen die Kinder sie leben, ob sie nun wollen oder nicht. Die eigene Kindheit war oft genug von Verboten, Mangel, brutal ausgetragenen Streitereien und Fiesheiten geprägt. Das wird zugunsten einer nach hinten ausgerichteten Utopie von Unschuld und fehlendem gesellschaftlichen Druck ausgeblendet — vor allem im Vergleich der Kindheit zu den gesellschaftlichen Möglichkeiten Erwachsener, der minimalen Freiheit in jeglicher Dimension.

Wir müssen also über Utopien reden. Wir müssen darüber reden, warum wir lieber die eigenen schlechten Erfahrungen ausblenden zugunsten einer imaginierten kollektiven glücklichen Kindheit, als auf eine glückliche kollektive Zukunft zuzusteuern. Wir müssen darüber reden, warum wir uns lieber als Besitzerinnen eines Plastikpiratenschiffs einander annähern, als zusammen Piratinnen zu werden. Vermutlich: Weil wir die Generation sind, für die umso mehr gilt, was der Kulturtheoretiker Mark Fisher als Entwicklung der 1980er Jahre bis heute festmachte: das langsame Aufkündigen der Zukunft. Die Idee einer sich fortschreibenden Entwicklung wurde ersetzt durch einen „die Zeit suspendierenden Stillstand“, der sich mit einer Sehnsucht nach Neuem und Beschleunigung tarnt, und eine „Deflation der Erwartungen“, beschreibt er in „Gespenster meines Lebens“ (2015). Alle Zeitebenen scheinen ineinander verschränkt.

Uns steht keine Zukunft offen. Also stürzen wir uns in die Vergangenheit und machen sie zum Wohlfühlmoment der Gegenwart. Es scheint, wir hätten dabei sogar die Gespenster verjagt, an denen Fisher sich abarbeitete, die Spuren verlorener Utopien und auch ihre Melancholie. Melancholie ist recht Nullerjahre. Sie benötigt den Verlust und die Selbstverleugnung. Wir hingegen haben unsere Kindheit im ewigen Präsens.

Fisher schreibt, jene Dyschronie hätte ihre Unheimlichkeit verloren, sie sei naturalisiert. Vielleicht ist es sein Vermächtnis, dass er im Zerlegen dieses Zustands (und letztendlich im schonungslosen Umgang auch mit seiner Person — Fisher starb im Januar 2017 an den Folgen seiner Depression) darauf aufmerksam machte, wie allumfassend fatal dieser Zustand ist, wie er Individuen zerstört, und wie wenig eine politische und kulturelle Sprache gefunden ist, die diesen Umstand benennen könnte. Dass das Denken in Überwinden und Andersartigkeit des Kommenden die heutige politische Zeitlichkeit nicht begreift und es neue Wege geben muss.

Uns steht keine Zukunft offen. Also stürzen wir uns in die Vergangenheit und machen sie zum Wohlfühlmoment der Gegenwart.

Ganz selbstverständlich muss diese Suche einen anderen Weg gehen als den der Restauration abgelegter Utopien — genauso wenig, wie der Sprung zurück in die Kindheit möglich ist, ist ein Schreiten zurück in die Utopien des liberalen Kapitalismus, des Nationalen und der kommunistischen Heilslehre möglich. Die ohne utopische Basis arbeitenden Graswurzel- und Direct-Action-Bewegungen sind genauso verbrannte Erde wie die teleologischen Heilslehren, deren Utopien einst unaufhaltsam auf das Individuum zuströmten. Klassen, Gewerkschaften und Parteien? Ebenso, ist zu vermuten. Allerdings wäre es in der Tat produktiv, zu sehen, was uns real zu Zeitgenoss*innen, einem Zeitgeschlecht macht, welche Krisen und Erfahrungen heute gemeinsam durchlebt werden, statt den Kitt in kollektiv zurechterfundenen Vergangenheiten zu suchen. Die Generation als solche wieder als bloß eine unter den möglichen Arten von Kollektiv zu betrachten, statt uns an ihr abzuarbeiten, wäre ebenso ein wichtiger Schritt.

Fast wollte ich schreiben, es doch noch einmal mit den alten Techno- und Club-Utopien zu versuchen, die in den 1990ern, in jenem kurzen Sommer nach der grauen Ideologie, wucherten: mit den dezentralisierten, hinter der Erzählung vom Ich verheißungsvoll wabernden Identitäten, der geschlechts- und hierarchiefreien Gemeinschaft des Floors, der Utopie des Tracks, dem kein Moment des subjektivierenden Erinnerns innewohnt. Zeitlichkeit aufgelöst, auch hier, aber nicht hinein in die Depression, sondern in ein großes, dadaistisches, deleuzianisches Werden. Doch jedes Wochenende, jeder Blue Monday strafte mich Lügen. Ich fürchte, wir sind hier fürs Erste ziemlich allein.

Mit vier, fünf Jahren rum spielte ich mit einem Piratenschiff von Playmobil. Es war vom Flohmarkt an der Ludwigskirche, also keines dieser viel schnittigeren Schiffe des Gouverneurs, die ich im Katalog gesehen hatte, sondern ein altes, klobiges, mit schwergängig knirschenden Rollen unter dem Bauch, mit einem Segel aus gelblichem, festen Tuch, einem Ausguck auf dem Mast, einem Steuerrad, das sich ein wenig zu leichtgängig drehte. Vielleicht wäre es wichtig, zu wissen, warum du so eines nicht hattest. Oder warum du eher das vom Gouverneur. Oder ein lila Einhorn. Vielleicht wäre es für da, wo wir gerade stehen, wo Geschichte zurückkehrt und sich auf einmal wieder so hässlich anfühlt, wie sie es vermutlich immer war, aber gerade wichtig, uns darüber klar zu sein, dass da wohl noch etwas zu erringen ist. Was uns zusammenbringt und was uns trennt, liegt nicht zwischen zwei Nummern im Playmobil-Katalog.