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Mein Tag als Brausetablette

Völlig zu verschwinden ist gar nicht so einfach. Und warum wollen wir eigentlich abhauen? Um vermisst zu werden.

Ich finde tierischen Gefallen daran, mir mein Verschwinden vorzustellen. Beim letzten derartigen Gedankenexperiment lag ich gerade in der Badewanne. Das wäre doch etwas, dachte ich, wenn man sich einfach auf Kommando auflösen könnte, so wie eine Vitamintablette am Boden eines Sprudelwasserglases. Es müsste ja auch nicht brutal sein und eklig, eher angenehm, prickelnd auf der Haut, ein Abgang mit Brauseeffekt. Meine Mitbewohnerin würde irgendwann an die Tür klopfen, keine Antwort bekommen, reinkommen, sich wundern, klar. Aber was bliebe ihr schlussendlich anderes übrig, als schulterzuckend den Stöpsel zu ziehen — und swoosh, wären meine flüssigen Überreste auf dem Weg in die Berliner Kanalisation. Tschau!

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Aber von vorne und zur Beruhigung: Ich spiele nicht mit Selbstmordgedanken. Ich stieg an jenem Tag auch unversehrt aus der Badewanne. Nur wäre ich manchmal eben gerne weg, unsichtbar. Mich reizt alles an der Idee. Vielleicht, weil sie so verboten ist in einer Zeit, in der sich alles ums genaue Gegenteil dreht, ums Dasein, ums Sichtbarsein und seine Steigerung: das Wichtigsein.

„Wo steckst du?“, schreiben Freundinnen und Freunde, wenn man sein WhatsApp mal für einen Tag nicht pflichtbewusst überwacht hat. „Wo bleibt unsere Knete?“, nörgelt das BAföG-Amt, wenn man keine Zeit hatte, die letzte Rechnung zu bezahlen. „Please enable location services“, fordert das Smartphone nach jedem noch so kurzen Verweilen im Flugmodus — und schon fühlt man sich wie Frodo Beutlin, der in einem leichtsinnigen Moment den einen Ring an den Finger gesteckt und unfreiwillig den gesamtem Überwachungsapparat auf den Plan gerufen hat.

Wer weg ist, macht sich verdächtig. Eine Woche Urlaub, und es stapeln sich die Nachrichtenerinnerungen, die roten Zahlen an Postfächern, die Anrufe in Abwesenheit. Man muss nur einmal kurz lockerlassen, was das Existieren angeht, und schon steckt man mitten drin im Existenzstau. Draußen klopft es ständig. Nachbarn, Postbotinnen, Zeugen Jehovas: „Wir wissen, dass Sie da sind!“, hallt es durch den Hausflur.

Wer weg ist, macht sich verdächtig.

Und das ist längst nicht alles. Denn man muss ja nicht nur ständig da sein, sondern auch bedeutsam, relevant. Wer sich nicht mitteilt, sich nicht wichtigmacht, der fällt durchs Raster. „What’s on your mind?“, will Facebook wissen, sobald ich eingeloggt bin. „Start capturing and sharing your moments“, wirbt Instagram auf seiner Startseite. „Hast du eigentlich schon einen Blog?“, fragt die Kollegin. Sei da, sei relevant und zeig’s den anderen, ist das Motto. Was, wenn ich’s nicht möchte?

Verschwinden, das wäre der Ausweg. Nur: Sich auf legalem Wege aus dem Staub zu machen ist nahezu unmöglich. Wer einfach abhaut, macht sich strafbar. Bis zur Abmeldung beim Postamt würde man noch kommen, bis zur Namensänderung vielleicht. Womöglich könnte man sogar noch einen gefälschten Pass auftreiben, aber spätestens mit der Ausreise wäre man Fahnenflüchtiger, vom BAföG-Amt Gejagter, von der Steuerbehörde Verfolgter. Da würde der Spaß mit dem Verschwinden dann aufhören, das Rarmachen wäre kein Kavaliersdelikt mehr. Denn auch wenn man weg ist, auf dem Papier ist man ja noch da.

Eine kriminelle Neigung müsste man also mitbringen, eisernen Willen und wenig Respekt vor dem Gesetzgeber, um sich wirklich aufzulösen. In Ratgebern und Internetforen finden sich verschiedene Tipps für alle, die nicht mehr da sein wollen: niemanden von seinem Vorhaben erzählen, sich mit Bargeld, Essen und warmen Klamotten eindecken, Bildmaterial zerstören, das Handy wegwerfen, Kreditkarten abmelden und nicht zuletzt lügen, lügen, lügen. „Ich geh mal eben den Müll rausbringen“, würde ich wohl zu meiner Mitbewohnerin sagen, klammheimlich meinen Wintermantel überziehen und nie wiederkommen. Tschüss, BAföG-Amt, tschüss, Freund*innen. Ich bin dann mal weg. Ich kann es mir schon ausmalen, das Eremitenleben irgendwo im Nirgendwo, den Rückzug ins ausländische Exil, die Askese im Ashram.

Aber wäre nicht auch das wieder nur ein halbes Verschwinden? Ich wäre ja nicht richtig weg in Patagonien oder Grönland oder Tibet. Klar, der heimischen Existenzblase wäre ich entflohen. Nur wäre das eigene Geltungsbedürfnis damit noch nicht eliminiert. Denn auch hinter den dicksten Klostermauern bliebe wohl das Verlangen danach, irgendwie gesehen zu werden, der Wunsch danach, dass einer sagt: „Wo ist er hin?“ und „Wann kommt er wieder?“ Machen wir uns nichts vor.

Wäre das Verschwinden am Ende doch wieder nur ein verquerer Schrei nach noch mehr Aufmerksamkeit?

Vielleicht. Vielleicht will niemand so richtig weg sein, so richtig irrelevant werden. Ist ja auch klar, Leben ohne Dasein ist schwierig. Aber heißt das gleich, dass die Bedeutungslosigkeit nichts zu bieten hat? Unsinn, sage ich. Denn mal kurz nicht da zu sein, und sei es nur für einen Augenblick, das hat trotzdem etwas Radikales, etwas Befreiendes in einer Gegenwart, in der Präsenz erwartet wird und in der es ständig Relevanz zu beweisen gilt. Also lasst das Badewasser ein und löst euch auf, bevor es zu spät ist. Träumt vom Nichtsein, bevor das Handy wieder klingelt, bevor die Chefin wieder e-mailt, bevor euch das nächste Statusupdate in den Fingern brennt. Denn eins ist allemal klar: Es klopft bald wieder an der Tür, die nächste Rechnung kommt bestimmt, zum Dasein ist noch genug Zeit.