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„Kulturpessimismus? Habe ich nicht.“

Wie ausgelutscht ist der Mensch? Schorsch Kamerun im Gespräch über die Freiheit der Freakiness und Entspannung im Floating Tank.

Wir werden heute nicht über Arbeit sprechen, ich hoffe, das ist in deinem Sinne.

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Keine Ahnung, ich weiß gar nicht, was das ist, Arbeit.

Musik, Theater, Hörspiele machen — das hört sich schon ein Stück weit nach Arbeit an. Oftmals klingt bei deinem Schaffen auch ein gewisses ‚Dagegen‘ durch. Bist du ein Kulturpessimist?

Kulturpessimismus? Habe ich nicht.

„The end of the future“ ist eine Art Leitsatz, mit dem du dein Hörspiel „Kann mir nicht vorstellen, dass es weitergeht“ eröffnest. Dabei mimst du den albern überspannten Motivationstrainer. Motivieren wir uns zugrunde?

Motivation bedeutet eigentlich eine Mitmachmotivation. Gleichzeitig setzt Motivation auf Selbstoptimierung und Selbstführung. So ist Motivation leider zu einem Stressbegriff geworden. Wir sind übermotiviert, weil wir es sein sollen, und wir können kaum etwas dagegen unternehmen. Das ist kompliziert — da spürt man die Super-Ambivalenz von heute: Ich motiviere mich gerne, andererseits soll ich das auch.

Man muss sich also motivieren, um am Ball zu bleiben — egal, was man tut. Das ist doch ein nach vorn gerichtetes Handeln. Wie kann dann ein „end of the future“ eintreten?

Die Zukunft, die wir meinen, die uns auf die Spur gebracht hat, ist erreicht, glaube ich. Sie ist materiell erreicht, sie ist aber auf eine Art auch in ihrer Fiktion erreicht. Unsere Utopie sind wir mittlerweile selbst, was natürlich schwierig ist. Es gibt weniger Ziele, die uns Fiktionen und Utopien bieten.

Eine große aktuelle Utopie ist doch das ewige Wachstum.

Wachstum ist noch mal etwas anderes. Das Prinzip Wachstum ist in der westlichen Welt weitestgehend ausgeschöpft. Das hat selbst mein rechtskonservativer Onkel Werner begriffen. Der hat immer daran geglaubt, dass es nach vorn gehen muss mit Leistung und Ausdehnung und so weiter. Aber dort, wo kein Platz mehr ist, lässt sich auch nichts mehr ausdehnen. Es geht auch nicht mehr schneller, selbst das macht keinen Spaß mehr. Das hat keine Qualität. Deutlich wird das bei menschlichen Beziehungen. Man möchte auch eher einen echten Kontakt, weniger als mehr Kontakt. Man sollte mehr an ein qualitatives Wachstum denken, das sich an uns selbst ausrichtet. Aber das dauert erst einmal.

In der Problematisierung des Wachstums steckt implizit zumeist Kapitalismuskritik. Das kann schnell abgedroschen klingen.

Der Kapitalismus zeigt schon noch seine Fratzen. Allerdings ist das subtiler geworden. Ich meine, wie kann ich denn noch cool sein, wenn Apple schon cool ist, obwohl Apple eigentlich der Super-Fabrikant ist. Aber auch die Entfremdung, die Marx meinte, ist heute noch greifbar. Nur geht es inzwischen um eine andere Entfremdung: Wir entfremden uns selbst von uns selbst, das ist das Üble. Nicht nur die Verhältnisse, unter denen wir leiden, weil sie autoritär sind, tun das. Wir sind mittlerweile irgendwie gegenüber uns selbst autoritär. Wir sind unsere eigenen, strengen Kontrolleur*innen. Und da wird es heikel, wenn sich diese Selbstkontrolle mit einer Übermotivation mischt. Das mündet dann in diesem Ausbrennen, dieser Erschöpfung oder Depression. Das ist wirklich ernst zu nehmen.

Dein aktuelles Album nennt sich „Der Mensch lässt nach“. Was bedeutet das? Ist das auch auf den ausbleibenden Widerstand gegen diese Art der Autorität zu beziehen?

Ja, die Rebellion greift nicht mehr. Darin liegt das Nachlassen. Man versucht, immer noch mehr zu kontrollieren, und daraus entsteht eine Erschöpfung, die ich als Nachlassen beschreiben möchte. Uns sind die klaren Angriffspunkte allesamt verloren gegangen. Es gibt momentan kein gültiges Konzept, mit dem man noch gegenarbeiten kann. Ob du nun Metzgerin bist oder Kulturkritikerin, wir sitzen alle in einem Boot, was ja ganz interessant ist. Der Titel ist aber nicht rein pessimistisch zu verstehen. „Der Mensch lässt nach“ ist ja irgendwie auch lustig — oder doppelbödig. ‚Nachlassen‘ bedeutet ja auch weniger verbissen zu sein. Das macht natürlich auch Spaß. Was das angeht, bin ich nicht kulturpessimistisch, denn ich glaube an den kulturellen Umgang mit all diesen Dingen. Kultur kann durchaus ein Terrain sein, auf dem man sich erholen kann. Kunst ist beispielsweise eine ganz gute Spiegelung und eine Möglichkeit der Flucht, wenn man die braucht.

„Alternativ kann man sich auch allein in den Floating Tank legen und da eine Stunde in Salzwasser liegen, dann hat man die Batterien vielleicht auch wieder voll.“

Wo gibt es denn konkret Perspektiven, woran orientierst du dich, um vielleicht selbst so etwas wie ‚den Unterschied‘ zu machen?

Den Unterschied zu machen behauptet jedes Formatradio.

Einen Unterschied eben.

Das schafft man nicht. Ich experimentiere eher mit Unterschiedlichkeiten und so etwas wie einer extra-naiven Vorgehensweise, die sehr minimal sein kann. Ich mag das ständige Versuchen und immer wieder Anfangen. Lösungen kann man jedoch von niemandem erwarten.

Vorschläge aber schon.

Ja, die stecken da schon drin. Mein Vorschlag ist aber, mir diese Dinge mit anderen Leuten zusammen bewusst zu machen und darin eine gemeinsame Erfahrung zu haben. Dabei macht man sich erst einmal Dinge bewusst, was auch ein Lebensweg ist. Mir fällt auf, dass dieses Sich-wieder-Treffen eine Strategie sein kann. Ich fand, das hat bei Occupy vorerst funktioniert. Rein gegen Banken zu sein ist etwas, was wir erst einmal alle irgendwie empfinden. Sich aber vor die Banken zu setzen und zu schauen: Was wollen wir hier eigentlich? — allein durch dieses Miteinander ist man im archaischen Sinne schon auf dem ‚Stadtplatz‘ zusammengekommen. Es macht jedenfalls Sinn, die Qualität der Ideen gemeinsam zu prüfen und daraus etwas zu machen. Das ist auch eine Form von Wachstum.

Wogegen grenzt sich dieses Zusammenkommen ab? Was war vorher anders?

Das grenzt sich gegen eine Kurzkommunikation ab. Damit meine ich nicht platt das Internet, sondern auch die Flut von Begegnungszwang, die wir erleben. Auch gegen Geschwindigkeiten hat man sich abgegrenzt, indem man sich eben Zeit genommen hat. Alternativ kann man sich auch allein in den Floating Tank legen und da eine Stunde in Salzwasser liegen, dann hat man die Batterien vielleicht auch wieder voll.

Im Salzwasser liegen ist natürlich noch kein Statement. Aber die Frage ist ja, ob man immer Statements abgeben muss.

Das wäre die Flucht in die Einsamkeit. Das bringt Menschen nicht zusammen. Aber einen gemeinschaftlichen Eskapismus, der sich als Gegenkultur versteht, gibt es kaum. Meistens ist das dann ja sowas wie Vampir spielen oder sich mit Flatratesaufen wegschießen, da gibt es tausend Möglichkeiten. Die sind aber nicht als Gegenmodell gemeint. Da geht es dann wirklich nur darum, außerhalb von allem zu stehen. ‚No Future‘ war auch eine Art von Eskapismus, das hat ganz gut funktioniert, weil das Aussteigen Programm war. Deswegen war ‚No Future‘ so stark. Rave schon nicht mehr. Rave war aus meiner Sicht auch in der Form der Loveparade eher als eine Art Kurzausstieg gedacht. Rave war kein Ort für eine neue Gesellschaft, eher ein Naherholungsgebiet für die nicht funktionierende Gesellschaft.

Im Slogan ‚No Future‘ steckt aber dennoch, dass man die eigene Zukunft selbst in die Hand nehmen kann.

Das ist eine gute Strategie, ja. Sie war meiner Meinung nach auch die letzte funktionierende in unseren westlich geprägten Zusammenhängen. Aber: Schaff das erst einmal, die Nicht-Zukunft in die eigene Hand zu nehmen. In welcher Form? Mit Punk ging das noch ganz gut, aber auch das wurde schnell zu einer Marke und funktioniert natürlich als Äußerlichkeit schon lange nicht mehr.

Wenn dagegen sein nicht mehr geht, sollte man nicht viel mehr eine Art affirmative Kritik üben und sich den Dingen hingeben?

Das stimmt. Es gehört dazu, sich den Dingen hinzugeben. Ich empfinde mich beispielsweise nicht als ständig kritisierend, sondern ausprobierend. Aber da steckt natürlich eine Kritik mit drin, denn ich mache das, um etwas anderes auszuprobieren als das, was ich vorfinde. Immer. Ich leide auch unter den Verhältnissen. Ich bin wütend auf die Verhältnisse. Aber ich mache sie auch mit. Nimm beispielsweise die Gentrifizierung. Ich bin ja auch selbst Top-Gentrifizierer. Ich kann hier auch nur wohnen, weil ich es mir mittlerweile leisten kann. Ich betreibe den Pudel-Club mit, der auch Leute angezogen hat. Das bleibt nicht aus. Da sieht man auch wieder, wie widersprüchlich wir leben müssen. Oder man haut ab, aber das ist nicht mein Ding. Das kann man auch nicht verlangen, dass man sagt „Geh doch in den Wald“ oder so.

Was eigentlich die Alternative wäre, wenn man im Aussteigen quasi für sich selbst den oder einen Unterschied macht. Das ist aber dann für niemand anderen ein Unterschied, weil er nicht wahrgenommen wird.

Genau. Ich meine, man darf ja auch mal positive Sachen ansprechen. Auf diesem Kiez zu leben, also St. Pauli — hier wurden ja auch Dinge durchgesetzt, die nicht verkehrt sind. Nennen wir es mal das etwas freakige Moment, das kann man hier unkommentiert leben zum Beispiel. Eine Art freieres Betrachten von Andersartigkeit gibt es hier nach wie vor, würde ich sagen.

„Vielleicht ist dieses Schönmachen auch wieder ein Sichbewusstmachen, eine Eigenhaptik.“

Dennoch wirkt die gesamte Problematik des Drucks, der Schnelllebigkeit, der Übermotivation auch auf einer ganz persönlichen Ebene. An einer Stelle deines Hörspiels heißt es verkürzt: „Melancholie als aktuell vorherrschende Stimmung, Verwirklichung in und mit uns selbst. Melancholie als Schönheit, richtig wie Liebe.“ Das bedeutet doch umgekehrt: Selbst Liebe ist so diffus geworden, dass das eigentliche Gefühl, was man als Liebe zu verstehen meint, nur noch eine vorweggenommene Melancholie ist. Eigentlich ist man eher sentimental berührt, dass der romantische Moment nur flüchtig ist und alles schnell vorbei sein kann. Also so eine Art Nostalgie für etwas, das eigentlich in einer möglichen Zukunft liegt: das mögliche Ende.

Da leidet auch die Emotion unter einer Flüchtigkeit und wird zu etwas schlecht Festhaltbarem. Das finde ich richtig gedacht. Ich meine mit Melancholie aber fast eher etwas Strategisches. Zum Beispiel glaube ich weniger daran, dass beim Kunstmachen eine gewisse loudness etwas stärker verdichtet oder besser deutlich macht. Es ist alles eh viel zu laut und zu grell. Deswegen probiere ich meine Themen zum Teil in der Melancholie zu zeigen. Das finde ich einen guten Moment. Es geht darum, das zu Schnelle ins Stocken zu bringen. Das kann sehr melancholisch sein.

Ich meine mehr, dass man Nostalgie für etwas empfindet, was noch gar nicht eingetreten ist. Dass man also in der aktuellen Reflexion des Moments über ein mögliches Ereignis nostalgisch wird.

Das sehe ich auch so, ja. Du meinst damit, die Erfindung, die man jetzt machen kann, ist eigentlich auch schon im Museum.

Genau.

Das denke ich auch immer, ich komme nun mal von einer radikalen Kunstfrage her und habe schnell begriffen, dass die radikalste Kunst am schnellsten im Museum landet. Es soll alles eingefangen und irgendwie verpackt werden. Das ist auch so eine Neigung. Wahrscheinlich auch, weil es zu viel gibt, sodass da wieder diese Kontrolllust einsetzt, das sofort nostalgisch zu machen, das stimmt schon.

Ein möglicher Schutzmechanismus wäre dann zum Beispiel ein souverän-abgeklärtes Verhalten, mit dem man die Angst überspielt, möglicherweise keine positiven Resonanzen auf das eigene Tun zu bekommen.

Das ist die Aufgabe, oder? Das meint man ja neuerdings, wenn man sagt „Resonanzen“. Man ist die ganze Zeit auf Resonanzen aus. Das ist unter anderem eine Autonomie, die abhandengekommen ist. Was das Äußerliche angeht, ist doch aber beispielsweise ein Sich-schön-Machen in gewisser Weise etwas Autonomes. Vielleicht ist dieses Schön-Machen auch wieder ein Sich-bewusst-Machen, ich glaube, mehr ist das gar nicht — eine Eigenhaptik erreichen. Ich finde das schon ganz wertvoll.

Sich selbst und die Dinge bewusst zu machen ist also schon einmal ein Vorschlag.

Was ich aber wiederum vermisse, ist, dass ich selbst wenig Zuordnung habe. Ich würde ganz gerne auch mal wieder von irgendetwas Fan sein und mich dem wirklich hingeben, ohne gleich zu merken: „Scheiße, ich bin das und werde als Fan noch ausgenutzt.“ Das nervt, das will niemand. Deswegen vermisse ich aber auch für mich selbst so eine Art von Zugehörigkeit. „Selbst schuld“, könnte man sagen, aber ich kenne so ein Gefühl kaum noch. Das hängt vielleicht wirklich ein bisschen damit zusammen, dass wenn ich meinetwegen Popmusik höre oder mich für Fußball interessiere, ich auch immer mitdenken muss: „Ich will aber in kein Stadion gehen, das AOL-Arena heißt.“ Das will ich einfach nicht. Das ist schon schade, da wird einem auch etwas genommen.

Vielleicht muss man die Dinge, von denen man Fan werden will, selbst erschaffen. Oder sagst du „Es gibt nichts Neues mehr“?

Nein, auf gar keinen Fall. Es wird immer etwas Neues geben, das ist vollkommen klar. Ich bin ja auch immer auf der Suche nach etwas Neuem. Außerdem macht diese Reise, diese Suche, zum Teil wahnsinnigen Spaß. Das finde ich alles herrlich. Ich kann jetzt allerdings nichts benennen, von dem ich sagen würde, „Hey Leute, das ist ja mal echt neu und super, das lässt sich erst einmal nicht so leicht einfangen.“ Vielleicht bin ich auch krampfig in meiner Suche nach „dem Anderen“, kann ja sein. Das ist ja auch anstrengend. Dabei verliert man auf eine Art auch seine Sozialisation, seine Herkunft. Ich fühle mich jetzt aber auch nicht als einsamer Kritiker, gar nicht. Ich mache das ja auch mit vielen Menschen zusammen und teile das. So ist es, glaube ich, auch gut.

Ich bedanke mich für das Gespräch.

Ich auch. War sehr schön, danke dir.