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Krawall im Kopf

Über den Aufstand in unseren Köpfen und ein schönes Glas warmer Milch.

Milch. Die soll ja bekanntlich Wunder wirken. Eine schöne, heiße Milch mit Honig. Lecker. Und als Brandbeschleuniger ein winziges Tröpfchen Baldrian. Wodka geht auch. Dann klappt es auch wieder mit der Nachbarin. Speziell, wenn man selbst diese Nachbarin ist. Der nötige Durchblick, getrübt vom Gedankenallerlei, einem Gulasch aus Pro und Kontra, wird gespült und aufgeräumt. Ordnung muss sein, erst recht, wenn sie wehtut. Speziell in einer Nebelwelt voll mit Ritualen der Eitelkeit. Ein Sammelbecken an Vorschriften.

Bei Regen braucht man Gummistiefel, bei Tisch braucht man Manieren, der Fisch braucht kein Fahrrad und die eigene Persönlichkeit ertrinkt derweil zusammen mit den geheimen Wünschen in den endlosen Weiten des Ozeans der Möglichkeiten. Der Ruf des Abenteuers verhallt ungehört in weiter Ferne. Da kann man schon mal schnell vom Kurs abfallen.

So entbrennt ein Kampf, ein Aufstand in uns drinnen. Kaum auszuhalten. Stimmen mahnen an ein Bild der Übermenschlichkeit: ein funktionierendes Ich im großen Ganzen, stumpf und monoton. Tamtam. Tamtam. Es ist ein Aufstand, der — versucht man ihm im Keim die Luft zu nehmen — sich sicherlich mit großem Radau in die Außenwelt entlädt. Mit voller Wucht. Auf die 12. Erbarmungslos. Gnadenlos. So wird aus einer Kreuzfahrt schnell ein Kreuzzug, klar so weit. Kopfkrawall par excellence. Auf Superbreitwand und in Real 3D. Gigantisch. Das echte Leben ist dagegen bloß billige Kopie. Auch klar. Stimmen mit Meinungen, die nicht die unseren sind, sich aber wie solche anfühlen.

Hätte, sollte, wollte, könnte: ach herrje, herrjemine! Man ertappt sich als Papagei vor einem Kessel Buntem im Kopf. Er schnattert von Yacht und Weltraumflug. Doch nach dem Anheuern strandet die Schaluppe am Affenfelsen, von dem es kein Entrinnen gibt. Stattdessen möchten wir uns lieber mit einem Schokoeis bekleckern. Uns heimlich abseilen. Oder wenigstens mal so richtig schön die Sau rauslassen. Was folgt, ist innerer Schiffbruch an den Klippen des Alltags. Rasch den letzten Rest von Identität über die Planke geschickt, kopfüber in das Meer der unerfüllten Träume. Mund abwischen. Weitermachen. Wenigstens kann die Milch ungestraft sauer werden.

Das persönliche Kielholen, der ewige Kampf mit dem inneren Piraten, gehört ja mittlerweile zum Eingeborenen der postindustriellen Nomadenkultur wie der Kapitän zum sinkenden Schiff. Auf der Jagd nach weißen Walen hilft also nur eins: einatmen, ausatmen. Sich selbst durchzählen. Es nicht so genau nehmen, wenn man mal einer mehr oder weniger ist. Sind ja immer noch mehr als genug. Im Zweifelsfall anonym abstimmen. Mehrheiten sind eh überbewertet. Und Backbord wird zu Steuerbord, wenn man nur fest genug dran glaubt.

Hauptsache ist doch, dass das Ego gut und laut brüllen kann, besonders bei Grundberührung. Volle Kraft voraus in der Fahrrinne des Lebens. Eine Schatzkiste voll mit Selbstverwirklichung. Und da ist er dann wieder: der Griff zur Milch. Mit Schirmchen. Durch den Strohhalm. Ganz langsam. Schlürf.

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