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Klettern auf Bäume

Geschichte funktioniert so: Jede Generationsschau ist ein abgeschlossener Bericht. Doch wie sähe eine Zukunft aus, würden wir aus dem Vergangenen mehr Fragen ableiten? Und weniger Schlüsse.

Generationen erscheinen mir als Versuch, der Existenz mit der Statistik zu drohen: Du wirst schon irgendwie reinpassen oder nicht reinpassen, eins von beidem. Du entkommst dem Bild deiner Zeit nicht. Allerhöchstens bist du das Gegenphänomen zum Phänomen.

Generationen werden von ihren Definitionen gemästet und gefressen und die Individuen dahinter werden vergessen. In Eric Bogles Song „No Man’s Land“ klingt das so:

„But here in this graveyard that’s still no man’s land
The countless white crosses in mute witness stand
To man’s blind indifference to his fellow man
And a whole generation were butchered and damned“

Nichts wurde schneller vergessen als die Lehren dieser Generation.

Jede Generationsschau wirkt wie ein abgeschlossener Bericht. Wie eine Art zu leben, die unter der Beobachtung zum Merkmal des Rückständigen, Überwundenen wird. Dabei sollten sich doch Fragen daraus ergeben, aus dem Scheitern und den Verhältnissen, keine Schlüsse, keine Urteile; so funktioniert halt Geschichte, ich weiß. Aber das sollte sie nicht.

Von der Genesis haben wir es bis zum Generieren von Codes gebracht. Aber was heißt das schon, wird jetzt jemand sagen, und ich weiß sofort: Er Dieser Jemand gehört zu meiner Generation. Denn das ist doch auch eine Idee hinter den Generationen: Lass sie auf das reagieren, was vor ihnen war; das Lebensgefühl kreieren, das die Summe der Erfahrungen der Menschheit ist. Unter dieser Last droht den Perspektiven künftiger Generationen Schiffbruch.

Der Generationsbericht verdeckt einiges: In ihm sammelt sich lediglich das Frivole und das Westentaschen-Kritische. Die Analyse einer Fläche ist eben nicht zugleich die Analyse der Punkte und der Linien, die nicht die Grenzen markieren, sondern das verzweigte Innenleben sind. Generationen sind die Summe aller Menschen, dividiert durch alles, was unterhalb der Übereinstimmung liegt. Auf diese Weise kann man leicht „Übereinstimmung“ erzeugen.

Es gab einmal eine Generation von Meerestieren, die ging an Land und kletterte auf Bäume. War das die Generation der Luftatmenden? Vielleicht gibt es mal eine Generation, die sich die Welt nicht mehr mit Generationen erklären möchte. Nicht mit Definitionen. Eine Generation, die ihr Lebensgefühl nicht in den Gemeinsamkeiten, dem Taktstock des Zeitgeistes suchen muss, sondern die sich aufsplittert in viele endlose Möglichkeiten und viel zu sehr damit beschäftigt ist, die Unterschiede von Mensch zu Mensch zu entdecken und zu akzeptieren, um konsistente Generationsschlagwörter herauszubilden. Irgendwie sperrt sich der Ausdruck Generation nämlich gegen übergreifende Akzeptanz und sucht nur nach einer Resonanz.

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