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In der Vergangenheit zu Hause

Wie sich die Nostalgie von der Sehnsucht nach einem Ort zur Sehnsucht nach einer Zeit gewandelt hat

Neue Wörter entstehen immer dann, wenn einem eigentlich die Worte fehlen. So muss es auch 1688 gewesen sein, als ein junger eidgenössischer Mediziner namens Johannes Hofer ein Wort mit großer Zukunft erfand.

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Trotz altgriechischer Anlehnung konnte Hofers „Nostalgia“ nicht recht über den Umstand hinwegtäuschen, dass es sich um einen Neologismus zur Beschreibung eines ziemlich neuartigen Phänomens handelte. In seiner Dissertation beschäftigte sich Hofer damals mit der Heimatsehnsucht von Schweizer Exilant*innen. Das war Forschung up to date — denn die Schweiz gab es zu diesem Zeitpunkt erst 40 Jahre.

Der geschickte Schachzug, neue aus alten und ältesten, in diesem Fall sogar antiken, Wörtern zusammenzusetzen, um seiner Entdeckung historisches Gewicht zu geben, wurde zwar von Hofer nicht erfunden, aber mustergültig durchexerziert. Lediglich einem auch in dieser Epoche schon verschwindend kleinen Publikum von altgriechischen Muttersprachler*innen dürfte auf Anhieb aufgefallen sein, dass es sich bei der Nostalgia nicht um ein antikes Original, sondern eher um nebulöses Flickwerk handelt.

Für sein schwer heimwehkrankes Publikum — das Wort Heimweh war zu dieser Zeit selbstverständlich noch unbekannt — verbindet Hofer das griechische nóstos, die Rück- oder Heimkehr, mit dem Kompositionsglied -algía, mit dem die Griech*innen alle Wörter schmerzhaften Leidens zu beenden wussten. Korrekt übersetzt meint Nostalgie also das schmerzhafte Verlangen nach Heimkehr.

Erst nach einem Umweg über das französische Exil fand das schweizerische „Nostalgia“ mit griechischem Migrationshintergrund ins gemeine Deutsche. Auf diesem umständlichen Umweg hatte die ursprüngliche Bedeutung des Wortes jedoch eine interessante Wendung genommen. Die französische ‚nostalgie‘ vergaß ebenso wie das englische ‚nostalgy‘ ihre heimatlichen Wurzeln. Ausgerechnet der ausgiebige Kuraufenthalt in Grande Nation und Great Empire sollte den Begriff von seinem patriotischen Leiden kurieren. Nicht mehr der Ort war Objekt der Sehnsucht, sondern eine frühere Zeit.

Erst seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts empfindet man auch in Deutschland Nostalgie — die sentimentale Sehnsucht nach vergangenen Zeiten. Als populäre Stimmung gehört die Nostalgie, nach dem ‚Weltschmerz der Romantik‘ und der ‚German Angst‘ des Existenzialismus, hierzulande zu den jüngsten Errungenschaften. Leider war man bei uns mal wieder eine Dekade zu spät. Die meisten Gründerzeitfassaden, an denen sich die neu aufkeimende Stimmung hätte laben können, gab es nicht mehr. Was die Zerstörungswut des Weltkrieges nicht zu vollbringen wusste, wurde in der sachlichen Nachkriegszeit — ganz unsentimental — abgerissen.

Erst mit den kulturellen Verwerfungen der 60er und 70er Jahre fiel auf, dass es eine heile Heimat, nach der es sich zu sehnen lohnte, nicht mehr zu geben schien. Mit der natürlichen Geborgenheit der schweizerischen Alpen wusste die moralisch schwer belastete Bundesrepublik nicht aufzuwarten. Umso weniger, als dass man sich ja nicht mal in der Fremde befand, die alles Heimische häufig in einem wohlig-trüben Glanz der Ordnung erscheinen lässt.

Die Sehnsucht zog dennoch in die Ferne, raus aus dem gesellschaftspolitischen Schlamassel. Da kam die melancholische Rückbesinnung der französischen und englischen Schwestern und Brüder vielleicht gerade recht. Man sehnte sich nicht mehr zurück an verlassene Orte, sondern in verflossene Zeiten.

Seitdem hat sich kein neues Gefühl mehr so dominant in die populäre Kultur unserer Gesellschaft eingenistet. Im Gegenteil, noch immer scheint die Nostalgie nicht abgelöst worden zu sein. Stattdessen differenziert sie sich immer weiter aus, in feinere Begriffe und Strömungen. Das Design ist retro, das Mobiliar antik, die Lebensweise ursprünglich. Die nostalgische Sehnsucht wird dabei immer abstrakter. Ihr geht es nicht mehr um eine bestimmte Zeit, in die man sich zurückwünschen würde, sondern um einen flackernden Super-8-Film, in dem wir uns selbst gerne als linkische Kleinkinder über den Rasen stolpern sehen würden.

Die Verwendung des Begriffs Nostalgie hat sich seit seiner Erfindung stark gewandelt, sein bedeutungstragender Kern scheint jedoch erhalten geblieben zu sein. Es geht um ein starkes Gefühl von Geborgenheit und Herkunft, von Ordnung und Glück. Ob man diesen Begriff wie die Exilant*innen der jungen Schweiz mit einem Ort verbinden möchte oder wie wir heute mit einer Zeit, ist dabei fast egal. Wir wünschen uns zurück in eine Welt, die wir kennen, in der wir zuhause sind.

Glücklicherweise ist die nostalgische Sehnsucht nicht nur ein ungreifbares Gefühl. Sie funktioniert auch in der handfesten Praxis. Durch rückbesonnenes Design finden sich alte Zeiten in unserer Kleidung wie auch in den Gegenständen, die uns umgeben, wieder. Der leidenschaftliche Nostalgiker klappert Trödelmärkte nach echtem Alten und Erhaltenen ab. Die Komponente der Ansehnlichkeit rückt dabei schon mal in den Hintergrund. Hauptsache, echt alt. So basteln wir sorgsam an dieser vergangenen Welt, bis man sich gelegentlich fragen muss, ob man unter seiner Stuckdecke auf gebatiktem Bettzeug eigentlich noch in der Gegenwart wiedererwacht ist oder in einem diffusen Zeitkontinuum zwischen Gründerzeit und Woodstock. Zuhause hätten wir uns wahrscheinlich in keinem von beiden gefühlt. In einer Mischung daraus aber vielleicht schon.

Richtig ernst meinen wir es mit der Nostalgie wohl nicht. Denn früher war eher tendenziell schöner. Genaue Termine, zu denen man sich zurückwünschen wollte, lassen sich da kaum finden. Der modernen Nostalgie geht es also eigentlich gar nicht mehr um eine exakte Zeit, sondern um eine nicht konkret bestimmbare Herkunft. Wir, unsere Welt, das, was wir schön und richtig finden, sind alles Ableitungen früherer Menschen, Welten und Gedanken. Auch wenn wir nicht genau wissen, wo sie liegt, wir haben eine Herkunft.

Diese Herkunft gibt uns Geborgenheit und Sicherheit. Das heißt noch lange nicht, dass wir wirklich zu ihr zurück wollen. Auch das ist ein weiterer Winkelzug im Wandel der Nostalgie. Anders als die Sehnsucht nach der fernen Heimat bleibt die Sentimentalität für eine vergangene Zeit immer unerfüllt. Vielleicht macht sie gerade das zum zeitlosen Begriff.