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Der Protest eines Puristen

Wie ein Buch zur Vorlage für viele gewaltlose Revolutionen von Gandhi bis hin zu Martin Luther King wurde.

Der revolutionäre Geist wohnt in einer Hütte. In vier Wänden, mit grauen Holzschindeln verkleidet, die nur einen Raum umschließen und ein simples Spitzdach tragen. Licht fällt durch ein großes Sprossenfenster in die spartanische Behausung. An deren Rückseite erhebt sich ein schmaler Kamin aus Backstein. So einfach, als hätte man ein Kind gebeten ein „Haus“ zu zeichnen, steht die Hütte zwischen den schmalen Stämmen des Nadelwaldes am Walden-See in Massachusetts. Henry David Thoreau hat diese Hütte gebaut und zwei Jahre hier verbracht. Am 4. Juli 1845 ist er hier eingezogen.

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Während man in der nahe gelegenen Stadt Concord mit Kapelle und Volksfest die amerikanische Unabhängigkeitserklärung feierte, wollte er sich loslösen von diesem normalen gesellschaftlichen Leben, um zu verstehen, was es wirklich heißt zu leben: „Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.“ Ein folgenreiches Lebensexperiment, von dem andere nach ihm viel gelernt haben. Heute begrüßt dieser Satz auf einem Holzschild jeden, dieder sich Thoreaus selbst gewähltes Exil am Walden-See ansehen möchte.

Dieser Satz steht auch in „Walden oder leben in den Wäldern“, Thoreaus Selbsterfahrungsbericht aus dem Hüttenleben, der 1854 als Buch erschien. In seiner Zeit am See führte er Tagebuch und versuchte durch schreibende Selbstbeobachtung die einfachen Dinge des Lebens in ihrer Bedeutung zu begreifen. Jedes Kapitel in „Walden“ bildet eine literarische Miniatur, einen poetischen Ausschnitt aus diesem kargen, aber so intensiven Leben. „Art und Zweck meines Lebens“, so ist das zweite Kapitel des Buches eher monumental programmatisch überschrieben. Aber um große Lebensentwürfe geht es hier nicht. Eher um ein kleines Leben.

Die neue Welt in seiner Hütte ist ein Universum der einfachen Dinge. Der Kamin oder Der See im Winter gehören zu Thoreaus reduzierter und intensivierter Erfahrungswelt aus zwei Jahren Abgeschiedenheit und Einsamkeit.

Thoreau beschwört auf nüchterne Art und Weise zum ersten Mal die große Idee eines anderen Lebens durch ein Anders-Leben. „Walden“ ist ein Manifest des Purismus, der Gegenentwurf zur aufkommenden Komplexität einer neuen Zeit. Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt die amerikanische Gesellschaft vor dem Hintergrund wachsender Bevölkerungszahlen und der Industrialisierung einen rasanten Umbruch. Die jungen Vereinigten Staaten führen von 1846 bis 1848 einen Expansionskrieg gegen Mexiko, in Kalifornien beginnt der Goldrausch und die Sklavenfrage wird politisch brisant. Eine richtungweisende Figur dieser Zeit ist Ralph Waldo Emerson, mit dem Thoreau befreundet war und auf dessen Grundstück er auch seine Hütte bauen durfte.

Emerson versteht und inszeniert sich als der theoretische Kopf dieser neuen Zeit und lädt zu privaten Debatten in sein Haus ein. Dort geht es um das große Ganze. Fasziniert von der Philosophie Kants und dem Gedankengut der europäischen Romantik, diskutieren die sogenannten „Transzendentalisten“ um Emerson über die Natur des Menschen, über humanistische, aber auch bürgerrechtliche Fragen wie die Rechtmäßigkeit der Sklaverei und die politischen Rechte der Frauen. In Thoreaus Idealen der Einfachheit, des Lernens und der Genügsamkeit steckt auch diese Sehnsucht nach einem neuen Leben. Während sich die amerikanische Gesellschaft in der unübersichtlichen Zeit der industriellen Moderne auf der Suche nach neuen Werten befindet, propagiert Thoreau eine neue Authentizität. Seine Hütte am Walden-See ist ein symbolischer Ort für die Sehnsucht nach dem „wahren Leben“ abseits des Fortschritts, Umbruchs und Anspruchs der Gesellschaft.

Im Gegensatz zu Ralph Waldo Emersons Debattierzirkel ist die Hütte eher ein praktisches Experiment als reformerische Träumerei. Einer Diskussion über die Gesellschaft und das Leben in ihr zieht Thoreau die Erfahrung des Lebens außerhalb der Gesellschaft vor. Mit dieser Idee des Rückzugs aus der Gesellschaft konnte die Nachwelt in gesellschaftlich unübersichtlichen Zeiten viel mehr anfangen als seine Zeitgenossen. Die Hippies, Aussteigerinnen und neuen Linken der 60er und 70er Jahre ebenso wie unwissentlich auch die neuen Minimalistinnen und digitalen Nomad*innen unserer Tage.

Ob mit Heilserwartungen oder ideologischer Verbissenheit, alle lebenstechnischen Reformprogramme von Aussteigertum, Purismus und Konsumkritik kehren fast unweigerlich zurück in die malerische Einsamkeit am Ufer des Walden-Sees. Dort, wo früher die Hütte stand, liegt zum Gedenken heute ein Haufen grober Steine zwischen den Nadelbäumen. Es ist das anonyme, puristische Grab einer großen Idee, die selbst nie groß sein wollte.

Er glaubt an einfache Tugenden: Aufrichtigkeit und Respekt gegenüber dem Leben

Eine Gedenktafel und würdevolle Inschriften hätte Thoreau wahrscheinlich sowieso missfallen. Bevor es ins Grab ging, wollte er doch das „Leben“ lernen. Im Juni 1817 wird er als Sohn eines Bleistiftfabrikanten geboren, studiert an der Harvard University Philosophie und Literatur und wird Lehrer. Aus dem Schuldienst scheidet er freiwillig aus. Er lehnt es ab, seine Schüler körperlich zu züchtigen, und gründet mit seinem Bruder seine eigenen Privatschule, die er nach dessen Tod aber schließen muss.

Verweigerung und Eigensinnigkeit sind, wonach Thoreau sein Leben und Denken ausrichtet. Wer sich zurückzieht, um das Leben zu lernen, dem erscheint die Arbeit um des Lebens willen als eine paradoxe Verdrehung. Die Bürger*innen der Kleinstadt Concord halten Henry David Thoreau für einen Faulenzer und Versager, auch weil er nichts fordert, nichts erreichen und weder Karrierist noch Revoluzzer sein will. Er glaubt an einfache Tugenden: Aufrichtigkeit und Respekt gegenüber dem Leben, dem seiner Mitmenschen ebenso wie dem des Fuchses, den er vor seiner Hütte an einem kalten Wintermorgen über das Eis laufen sieht.

Seit 1837 schreibt Thoreau Tagebuch und hält darin fest, was ihn umgibt. Die zahlreichen Bände bewahrt er sorgsam in einer Holzkiste auf ohne Absicht, sie zu veröffentlichen. Heute sind die Erfahrungsberichte des stillen Eigenbrötlers sein theoretisches Hauptwerk. „Theorie“ ist bei Thoreau wie dem griechischen Ursprung des Wortes nach ein „Schauen“. In den kurzen Einträgen erweitert sich das unmittelbar Gesehene immer zu einem gedanklichen Bild und zeigt einen Blick auf die Welt. Vielleicht liegt in der Einfachheit dieser reflektierenden Beobachtungen, in der stillen Prophetie dieser gesehenen Gedanken, auch der Grund für ihre große Wirkung.

Was Thoreau mit puristischer Faszination begeistert, ist das Leben selbst. In einem Tagebucheintrag von 1851 heißt es: „Wir leben unser Leben nicht voll aus. Wir durchdringen nicht alle unsere Poren mit unserem Blut. Wir atmen nicht aus voller Brust. Wir leben nur ein Bruchteil unseres Lebens. Warum lassen wir die Flut nicht herein, öffnen die Schleusen und setzen alle unsere Räder in Bewegung? Wer Ohren hat, der höre. Bediene dich deiner Sinne.“

Das ganze, volle und echte Leben. Jede Protestkultur reklamiert es für sich im Verteidigungskampf, gegen diejenigen, die es angeblich berechnen, besitzen und verwerten wollen. Wirklich, ehrlich, echt und ursprünglich soll „das Leben“ sein, ein umfassendes Reinigungsprogramm, bei dem es darum geht, immer „weniger“ und möglichst weit entfernt vom Lärm der Alltäglichkeit nach dem „wahren Leben“ zu suchen. Von diesem Phantasma, diesem Traum, der das Leben immer zum heiligen Ideal der Einfachheit verklärt, hat sich bis heute kein lebensreformerischer Entwurf frei machen können.

Auch Thoreau wird die intensive Abgeschiedenheit seiner Waldhütte bald gegen die vier Wände einer ungemütlichen staatlichen Verwahrungsanstalt eintauschen müssen. Als er eines Morgens seine Hütte verlässt und in die Stadt wandert, wird er dort prompt verhaftet. Steuerschulden hat er und hat sich noch dazu geweigert, diese zu begleichen.

Der Grund hierfür ist schlicht. Thoreau akzeptiert es nicht, den amerikanischen Staat zu unterstützen, der Sklaverei betreibt und mit seinem Geld den Krieg gegen Mexiko finanziert. Die Nacht, die Thoreau im Gefängnis verbringen muss, treibt ihn zu seiner nächsten großen Schrift, welche die lebensreformerische Idee von „Walden“ um eine politische Dimension erweitern soll. Gandhi und Martin Luther King haben sie gelesen und ihr Titel ist zum Emblem des gewaltfreien Widerstandes geworden. „The Resistancce to Civil Government“ heißt sie, stammt aus dem Jahr 1849 und erscheint später auch unter dem Titel „On Civil Disobedience“.

In Thoreaus Utopie des guten, einfachen Lebens gilt dieser Staat ohnehin als eine tote, bürokratische Maschinerie.

Darin erklärt Thoreau die Demokratie zu einer Diktatur gegenüber dem Einzelnen, in dem nicht dessen Gewissen, sondern nur die Macht der Mehrheit zählt. Den Ungehorsam erklärt Thoreau kurzerhand zur Bürgerpflicht. Seiner Meinung nach kann niemandem zugemutet werden, gegen das eigene Wissen und Gewissen einen Staat zu unterstützen, der ungerecht handelt. In Thoreaus Utopie des guten, einfachen Lebens gilt dieser Staat ohnehin als eine tote, bürokratische Maschinerie.

„Aber eine Regierung, in der die Mehrheit in jedem Fall den Ausschlag gibt, kann nicht auf Gerechtigkeit gegründet sein, nicht einmal soweit Menschen die Gerechtigkeit verstehen. Könnte es nicht eine Regierung geben, in der nicht die Mehrheit über Falsch und Richtig befindet, sondern das Gewissen? Muss der Bürger auch nur einen Augenblick, auch nur ein wenig, sein Gewissen dem Gesetzgeber überlassen? Wozu hat denn dann der Mensch ein Gewissen? Ich finde, wir sollten erst Menschen sein und dann Untertanen.“

Erst Menschen, dann Untertanen und Gewissen vor Gesetz, so einfach wie unpolitisch sind Thoreaus Formeln, die allerdings nicht die Frage danach stellen, wer die Gerechtigkeit mit welchen Mitteln durchsetzen darf und muss. „Die beste Regierung“, so verkündet es Thoreau am Anfang seiner Schrift, sei die, die „am wenigsten regiert“. Damit drückt er sich vor der Frage nach dem Ausnahmezustand der Gerechtigkeit und der Frage, wann die Staatsgewalt handeln muss.

Stattdessen vertraut er auf die Selbstverständlichkeit des individuellen moralischen Handelns der Bürger*innen. „Idealistisch“ erscheint so eine Position von heute aus betrachtet, und ein wenig erinnert das auch an Jean-Jacques Rousseaus Staats-Skepsis und die naive Rede vom Menschen als einem Wesen, das von Natur aus gut ist und von Gesellschaft und Staat verdorben wird. Man könnte in Thoreaus Standpunkt auch eine Art Grundstein des Liberalismus sehen, der misstrauisch gegen den Staat lieber der Freiheit des Bürgers und des Marktes vertraut.

Aber Thoreau geht es weder um den Markt noch um die Macht, sondern um das Leben, das von der staatlichen Regelungsmaschinerie möglichst in Ruhe gelassen werden soll. Thoreau ist kein Anarchist, der gegen den Staat denkt, auch kein Aktivist, der einen gerechteren Staat fordert. Thoreau denkt aus seiner Hütte heraus, dass der Staat überflüssig ist, wie so viele Dinge des normalen bürgerlichen Lebens. Seine Argumentation ist so verblüffend naiv und so konsequent zugleich, sie ist kein Plädoyer des Protestes, sondern der politischen Entsagung.

Doch diese scheinbare Abkehr und Gleichgültigkeit von Staat und Politik ist radikal politisch. Dieser uneinsichtige „Ungehorsam“ gegenüber der Normalität und der Selbstverständlichkeit staatlicher Organisation ist Grundformel des Widerstandes und fundiert den Einsatz des Einzelnen gegen die Mehrheit. Politisch ist sie in dem Sinne, als dass sie das kritische Denken des Einzelnen und dessen moralisches Handeln über alle bürokratische Verwaltung, Parteitaktik und Interessenvertretung stellt.

Bei Thoreau geht es um das Gewissen, um die unangenehme Ahnung, dass es so nicht weitergehen kann, gerade gegen den Willen der Mehrheit. Thoreau hat ein bissiges Gewissen und die fundamentale Ethik. Nicht gegen dieses Gewissen, sondern im Zweifelsfall gegen die politischen Regeln zu handeln, bildet die moralische Antriebskraft vieler Verweiger*innen vor und nach ihm. Martin Luthers Thesenanschlag gehört ebenso dazu wie Immanuel Kants Kategorischer Imperativ oder der Widerstand gegen totalitäre Regime. So eine riskante Verweigerung gegen die organisierte Ungerechtigkeit von oben erfordert, wie Thoreau es eben formulierte, ein Handeln als „Mensch“ und nicht als „Untertan“.

Was Thoreau völlig fehlt, ist das Pathos des Widerstands.

Aber lässt sich Thoreau problemlos in die Reihe des Widerstands stellen? Eine Partei hat er nie gegründet, keine Demonstration organisiert, kein Attentat verübt und seine einzige politische Schrift musste er auch niemals vor staatlicher Obrigkeit verteidigen. Ideell fehlt es Thoreau für eine revolutionäre Karriere im herkömmlichen Sinne an allem: Fanatismus, ideologisierender Überzeugungswille, politisches Kalkül und die pragmatische Durchsetzung der eigenen Interessen. Nichts davon kann man ihm unterstellen.

Unglaublich scheint es fast, dass seine schlichten Beobachtungen und Einsichten vom Walden-See und sein simples Manifest des Ungehorsams so viel Protestpotenzial entfesselt haben. „Gewissen“ — bei Thoreau liegt die Gewalt des Widerstands in seiner Einfachheit, in dem naiven Starrsinn gegen politisch organisierte Ungerechtigkeit. Deshalb begründet seine Schrift auch keine Tradition des aggressiven Protests, sondern die des passiven Widerstands. Eine Verweigerung gegen das Unrecht, die sich nur niederschlagen lässt, wird dadurch noch stärker. Mahatma Gandhi soll Thoreaus Buch immer bei sich getragen haben.

Thoreau selbst wird in seinem Leben allerdings nicht auf die Probe gestellt. Nach einer Nacht im Gefängnis bezahlt seine Familie die Schulden und kauft ihn frei. Ziemlich gelassen, so erzählt man, starb er im Alter von 44 Jahren in seinem Bett an Tuberkulose.

Was Thoreau völlig fehlt, ist das Pathos des Widerstands. Wie sein Leben ist auch sein Ungehorsam eigenartig puristisch. Dabei ist die Geschichte des Protests meistens und manchmal leider eine heroische Geschichte der Glorifizierung, ein feierlicher Ernst mit mutig zusammengekniffenen Lippen. Gerade weil Thoreau in eine solche große Widerstandserzählung nicht passt, muss man sich vielleicht die oft banal wirkende Frage stellen, wo Henry David Thoreau denn heute stehen und was er tun würde. Passt der starrsinnige Eremit vom Walden-See noch in unsere Zeit?

Überall wäre er fehl am Platz.

Wäre er vielleicht der Aussteiger, der Bücher zur Lebenshilfe schreibt? Oder eher der lächelnde Gründer einer Anti- oder Pro-Partei im schlichten Anzug, der sich politisch für Steuergeldverwendungsfragen einsetzt? Eher ein digitaler Nomade, der allen lästigen Besitz verkauft hat, nun die Welt von der Café-Terrasse aus betrachtet und darüber Zeilen für sein Blog ins Macbook tippt? Würde man Henry David Thoreau in eine deutsche Talkshow einladen, wo er sich dem Fragengewitter der kulturkritischen Betroffenheiten und Befindlichkeiten stellen müsste, ob wir zu viel haben, weniger brauchen und was die Medien und das Internet mit uns machen?

Überall wäre er fehl am Platz. Aber ein Burnout hätte er sicher nicht und auch keine persönlichen Daten, die man illegal abschöpfen könnte. Dafür würde er bestimmt auf einem Campingplatz leben, dort kleine Texte über die Vögel in den Dornenhecken und den Geruch des Meeres schreiben. Er wäre immer freundlich, aber einer von denen, die sich ein wenig sonderbar verhalten und mit denen man oberflächlich und aus sicherer Distanz spricht, wie mit Kindern oder alten Leuten. Er würde zu denjenigen gehören, die am Schluss einer öffentlichen Veranstaltung immer etwas verloren in den Stuhlreihen sitzen. Er wäre der Naturfreund, ein unscheinbarer Spaziergänger.

Von Henry David Thoreau, und das ist bei den historisch bewunderten Protestvertreter*innen selten, kann man nichts Großes lernen, sondern nur Kleines: abzuwarten, nachzudenken und so einfach wie konsequent „Nein!“ zu sagen.