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Der letzte Wille

Wenn sich das, was wir wollen, auf einmal in einen Befehl, ein Sollen, verwandelt — dann werden wir es nicht mehr los. Vor allem wenn es um den eigenen Tod geht.

Es ist eine Plastikblume gewesen, stelle ich erleichtert fest und stelle die Vase wieder auf. Ohne Wasser drin. Mit dem Bedürfnis, sie genau da wieder hinzusetzen, wo sie gestanden hatte, rücke ich sie auf den Mittelpunkt der Tischdecke, die sich sternförmig und faltenlos auf dem kleinen Holztisch ausbreitet. Der Mittelpunkt ist immer eine gute Idee, wenn man etwas auf seinen ursprünglichen Platz zurückstellen will.

Ich richte mich auf. Ich stehe ganz gerade im Raum. Ich bin auch eine Plastikblume, denke ich. Worüber hatte ich nachgedacht, bevor sie umgefallen ist? Vermutlich über einen Satz, der mit „ich“ anfängt.

+++ Ich will sterben. +++ Selbstmord ist ein Gedanke, der vorn und hinten drei Kreuze hat. An Selbstmord zu denken erzeugt ein ähnlich taubes Gefühl im Kopf, wie wenn man zu lang auf das Nachrichtenband starrt, das bei Nachrichtensendern unten am Bild entlangläuft: Eine +++ Eilmeldung +++ nach der anderen. Wie wenn du in der Schlange vor einer Bahnhofsbäckerei stehst und ein Flachbildschirm, der genau das zeigt, zieht all deine Aufmerksamkeit auf sich. Er hängt an einer Säule, die offenbar allein für diesen Zweck mitten im Raum steht. Du starrst auf den Bildschirm. Du kannst gar nicht anders. Einer kunstwissenschaftlichen Studie zufolge ist der Mensch auch nach 60 Jahren Bildschirm noch nicht daran gewöhnt, sich bewegende Bilder zu sehen, die leuchten, als würden sie durch ein übernatürliches Licht von hinten angestrahlt. Wir halten das insgeheim nach wie vor für Magie. Es ist immer der gleiche Satz. +++ Ich will sterben. +++ Du nimmst die Tüte mit der Laugenstange entgegen, wendest dich ab, aber das Nachrichtenband bleibt; der Satz läuft unterhalb deines Sichtfeldes, irgendwo in deinem Gehirn, ungefragt weiter, von rechts nach links, wie die Schlange bei Snake, dem Spiel, das es auch auf den einfachsten Handys gibt. Sie darf sich nicht in den eigenen Schwanz beißen, die Schlange. Der Ich-Kopf des Satzes läuft dem eigenen Sterben davon und jagt doch unaufhörlich diesem letzten Wort nach.

Manchmal trifft mich dieser Gedanke auch unerwartet, wenn ich aus der Straßenbahn aussteige und der Wind mir ins Gesicht fährt. Auf dem Rückweg von einer Party, auf die ich eigentlich gar nicht gehen wollte, weil ich anderes zu tun habe, weil ich nichts zu tun habe, weil ich nichts hinkriege, oder weil ich viel zu viel zu tun habe, will ich zurück auf die Party, ich hätte nie hingehen sollen, was macht man jetzt mit einer angebrochenen Nacht wie dieser? Ich habe Lust, mein Handy wegzuwerfen.

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Auch wenn der Gedanke an Selbstmord den ganzen Bildschirm einnimmt, bin ich mir sicher, dass es die anderen geöffneten Fenster irgendwo gibt, sie sind bloß minimiert worden oder verstecken sich hinter ihm.

Ist es nicht merkwürdig, dass wir den eigenen Willen nicht hinterfragen? Wir fragen uns höchstens, ob wir etwas denn „wirklich“ wollen. Doch wenn dies der Fall ist, dann tun wir alles dafür, dass das, was wir wollen, auch eintritt. Warum ist das so? Wie kommt man darauf, dass man sich, wenn man sterben will, umbringen sollte?

Ich glaube, wir sind generell nicht daran gewöhnt, begrifflich zwischen „wollen“, „nicht wollen“ und „nichts wollen“ zu unterscheiden. Wollen und Nicht-Wollen kennen wir sehr gut: Jeder Tag besteht aus diesen kleinen Mikrowünschen. Man will einen Kaffee trinken. Oder man sagt: Nee danke, ich mag gerad’ keinen Kaffee. Aber wie diesen Impuls einordnen, tot sein zu wollen, das heißt, nichts mehr zu wollen? — Weder den Kaffee wollen noch ihn nicht wollen, sondern aufhören überhaupt zu wollen. Dem Ja und Nein, aus dem das Leben besteht, ein Ende zu setzen. Dieser Gedanke, das Nichts-Wollen, überwältigt uns — wir sind nicht daran gewöhnt. Wir ziehen gar nicht in Betracht, dass das Leben uns diese Aufgabe überhaupt stellen kann. Es gibt Menschen, die größer sind als andere, und welche, die kleiner sind — dass es Menschen geben soll, die mehr oder weniger gerne leben wollen, ist hingegen ein befremdlicher Gedanke. Wir glauben daher, das Nichts-mehr-Wollen habe keinen rechten Platz im Leben, in dem es immer darum geht, etwas zu wollen oder etwas nicht zu wollen. Wenn Leben und Tod zwei Seiten einer Medaille sind, dann glauben wir, das Sterben-Wollen gehöre nicht auf die Lebensseite, sondern auf ihr Gegenteil, auf diese fremde Unterseite. Auf der Seite des Lebens ist man gewohnt, die eigenen Wünsche zu hinterfragen: Vielleicht sollte ich keinen Kaffee mehr wollen, ich hab ja schon zwei getrunken? Die andere Seite der Medaille ist spiegelblank und leer, ein Raum ohne Erfahrung. „Ich will — also will ich das auch, also will ich das eben ...“ Der Wille gibt sich alternativlos.

Kurzum, wir schließen vom Wollen auf das Sollen. Vom innerlichen „Ich will“ zum „Es hat zu sein“, mein Wille geschehe: Ich will sterben, ich sollte mich umbringen. Zwar ist das genus proximum beider — Wollen und Sollen —, dass etwas passieren möge. Und es steht außer Frage, dass etwas passieren sollte, wenn man lebensmüde ist. Aber was genau soll passieren? Warum sollte man das tun, was man will?

Auf diese Veränderung, dass sich ab jetzt nicht mehr alles ständig und von Grund auf verändern wird, muss man erst einmal klarkommen.

Der Gedanke an die Plastikblume, der Gedanke, der mit „ich“ beginnt, dass ich sterben will, ist nie vollständig weggegangen. Ich war eine längere Zeit in einer Psychiatrie, ich war bei mehreren Psychotherapeut*innen; jetzt bin ich 24 Jahre alt. Der Unterschied zu der Person, die ich als 17-Jährige war, ist, dass sie heute nicht mehr in Betracht zieht, aus dem Gedanken und Wunsch eine Tat, eine Tatsache zu machen. Ich suche die Escape-Taste, um den Vollbildmodus zu verlassen. Auch wenn der Gedanke an Selbstmord den ganzen Bildschirm einnimmt, bin ich mir sicher, dass es die anderen geöffneten Fenster irgendwo gibt, sie sind bloß minimiert worden oder verstecken sich hinter ihm. Und wenn er als Nachrichtenband wochenlang am unteren Bildschirmrand entlangläuft, gehört er für mich jetzt zum Leben dazu. So simpel das klingen mag, so einfach ist es auch.

Dabei ist es ist überhaupt nicht einfach. Es ist auch überhaupt nicht einfach, einen Text über Suizid zu schreiben. Ich kannte zwei Menschen, die sich dieses Jahr das Leben genommen haben, es bringen sich rund 10.000 Menschen jedes Jahr in Deutschland um. Ich finde das nicht gut, es ist sogar furchtbar, um genau zu sein. Es macht fassungslos, sprachlos und den Kopf ganz leer, und man muss ihn schütteln, um den Gedanken an die Frage loszuwerden, warum das passieren musste.

Eines steht fest: Wer sich umbringen möchte, ist keineswegs allein damit. Auch das ist leichter gesagt als empfunden, und in der akuten Situation ist das vielleicht noch nicht mal ein großer Trost. Für junge Menschen mag das besonders schwierig sein. Woher soll man wissen, dass man nicht allein ist, wenn sich der Umkreis der Menschen, die man kennengelernt hat, auf Familie, Schule und ein paar wenige weitere Kontexte beschränkt? Um wie viele Menschen ist mein Leben reicher geworden seit dem Abitur? Es müssen hunderte sein. Hinzu kommt, dass unser gesellschaftliches Bewusstsein dazu tendiert, vor lauter Angst vor dem Altwerden die Jugend zu glorifizieren. Da erfährt die Tatsache nicht genug Beachtung, dass die Jugend die härteste Zeit im Leben sein kann. Es ist die Zeit der größten Umbrüche und zurückstarrenden Abgründe. Ich habe eine Antwort auf die Frage gefunden, warum jung zu sein so schwierig ist. Es liegt an dem Paradox, dass man sich in der Jugend an die Stabilität gewöhnen muss. Während der Kindheit war man daran gewöhnt — mehr noch: Man kannte gar nichts anderes —, dass alles sich laufend veränderte. Von der Schuhgröße über Freundschaften bis hin zu den eigenen Ausdrucksmöglichkeiten: Man konnte das Bild, das man ein Jahr zuvor gemalt hatte, oder das Lego-Auto, das man zusammengebaut hatte, verächtlich abtun, weil man natürlich inzwischen viel geschickter war. All das beginnt in der Pubertät zu stagnieren. Der eigene Körper wächst auf einmal nicht mehr — das heißt wohl, er will jetzt so bleiben, wie er ist? So bin ich also? Nein: Es gibt im Leben gar kein „So wird es bleiben“, allein schon, weil sich die Perspektive, das ganze Koordinatensystem der Wahrnehmung, laufend verschiebt. Auf diese Veränderung, dass sich ab jetzt nicht mehr alles ständig und von Grund auf verändern wird, muss man erst einmal klarkommen. Und die Stabilität ist natürlich nicht auf einmal verlässlich da, sondern sie unterbricht sich dauernd selbst, sie muss sich selbst noch daran gewöhnen. Eine Freundschaft, von der man zu glauben beginnt, sie könnte ewig halten, dauert nur ein paar Monate an, bricht auseinander und hinterlässt Schmerz.

An dieser Stelle wäre es falsch, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu stellen, und ratlos mit „Wo?“ zu beantworten. Wenn alles sinnlos erscheint, dann sollte man irgendetwas tun. Wenn einem nichts einfällt, dann sollte man vielleicht etwas reparieren. Einen Fehler machen und ihn wieder gutmachen. Man sollte die Plastikblume nehmen, schauen, ob alles ganz geblieben ist, und einfach wieder auf den Tisch stellen. Mittig auf die Tischdecke.