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Das Haar in der Suppe

Kollektiv meckern? Shitstormer und Bestormte brauchen sich gegenseitig.

Das Haar in der Kantinen-Suppe, der faule Mitbewohner, die Kollegin, die immer zu spät kommt: Es nervt! Die Empörung steigt langsam zu Kopf, man hat förmlich den Hals voll. Wie gerne würde man ihnen endlich mal so richtig die Meinung sagen. Doch das hieße auch — selbst Stellung beziehen.

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Denn Kritik macht uns angreifbar. Wir geben unseren eigenen Standpunkt preis und werden damit zur Vergleichsgröße. Handle ich selbst nach den Maßstäben, an denen ich andere messe? Kritik setzt zudem ein Urteil voraus, sie zu äußern wirkt daher schnell demaskierend. Da kommt der Meckerkasten wie gerufen: Unter dem Schutzmantel der Anonymität können wir endlich über die Zustände im Büro herziehen, jeglicher Verantwortung für das Gesagte entbunden.

Das funktioniert auch im Internet. Mit einem Pseudonym fällt das Unruhestiften leichter und der Störenfried wähnt sich in der Anonymität der Masse. Denn in der digitalen Welt sind wir nie allein. In der Kommentarleiste treffen wir auf Gleichgesinnte. Dort vermengt sich der eigene Unmut mit der Verdrossenheit der anderen. Das gemeinsame Urteil formt ein kopfloses Kollektiv. Der Frust türmt sich auf zu einer Empörungswelle, für die es längst eine Bezeichnung gibt: den Shitstorm.

„Der wichtigste Vorgang, der sich innerhalb der Masse abspielt, ist die Entladung“, schreibt der Schriftsteller Elias Canetti in „Masse und Macht“. Spätestens in dem Moment, in dem wir unsere Ansicht durch andere bestätigt fühlen, wird auch jeder Nickname obsolet. Die Orientierung auf das Andere, das es schließlich zu kritisieren gilt, schafft Gemeinschaft — ganz gleich, ob die Kritik berechtigt oder nur ein Grund zur Kollektivierung ist. Und schon ist es da, das Gefühl von Macht. Was uns allein schwerfällt, überwinden wir gemeinsam mit dem digitalen Mob. Aus Angst vor Ehrlichkeit wird Größenwahn. Wir empören uns aus Lust an der Pöbelwut. Auch wenn sich der Shitstorm als inflationär verwendetes Modewort des Internetzeitalters etabliert hat, so reicht dessen Verwendung doch weit in analoge Zeiten zurück. Schon in Norman Mailers 1948 erschienenem Kriegsroman „The Naked and the Dead“ beschreibt der Shitstorm eine brenzlige Situation im Gefecht. Hier zeigt sich der eigentliche Kern des Wortes: die schutzlose Konfrontation mit einer Übermacht.

Shitstormer und Bestormte brauchen sich gegenseitig. Zwar geht es nicht um Leben und Tod, aber wenn ein Standpunkt mal draußen ist, steht er zur Debatte. Erst die Provokation lockt häufig die aufrichtige Meinung aus der Reserve. Ganz ohne Rücksicht auf Verluste. Wer Kritik äußert, muss mit Rückfragen rechnen — und stürmischem Wetter. Auch wenn die Meckerwut dabei häufig über das Haar in der Suppe oder den lahmarschigen Mitbewohner hinausschießt, kann ein bisschen Aufregung nicht schaden.