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Bewegungen von Hals und Gefieder

Vögel haben keinen Vogel. Ein Hinweis darauf, dass nur Menschen zärtliche Gefühle gegenüber Tieren aufbringen können? Auf der Suche nach dem Nackten, Sozialen, Empathischen in Höhlen, Büschen und unseren Wohnzimmern.

Sprache weiß mehr über unsere Beziehung zur Welt als wir Redenden.

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Zärtliches Zebra? Zartes Ziesel? Streichelnde Schlange? Liebevoller Luchs? Fürsorglicher Fuchs? Hingebungsvoller Hase? Anmutige Amsel — vielleicht schon eher.

Das Ungleichgewicht, in das Tiere mit einem zärtlichen Adjektiv an der Seite geraten, ist ein Indiz dafür, dass die Zärtlichkeit — sprachlich zumindest — nicht sonderlich gut zu ihnen passt, sie geraten dadurch in eine Schräglage, schlittern in die Welt der Fabeln und Märchen, werden zur Parodie ihrer selbst, beziehungsweise der Menschen, die sie betrachten.
Was täte die Amsel, wenn sie nicht betrachtet würde? Sie hüpfte durchs Gras, pickte Regenwürmer aus dem Boden, Käfer, Maden, spränge ab und zu auf einen Ast, flöge in einen anderen Garten, flöge zu anderen Amseln und paarte sich mit ihnen — nach gewissen Ritualen der Annäherung, die Gesänge, Triller, Stolzieren, Bewegungen von Hals und Gefieder beinhalten. Das Weibchen wählte das Männchen mit dem besten Revier — nehme ich an, nehmen diejenigen an, die öfter Vögel beobachten als ich. Das beste Revier könnte eins sein, in dem die Regenwürmer besonders dick und die Nistplätze besonders sicher sind. Ist das Zusammentragen von Zweigen, Halmen, Moos, Flechten, Laub, Schlamm, Textilien, Kunststofffetzen für den Bau des Nestes, der mehrere Tage in Anspruch nimmt (Tage, in denen wenige Käfer gefressen, wenige Regenwürmer aus der Erde gezogen werden können), ist das Liebkosung? Ist das Zärtlichkeit, den noch zu legenden Eiern gegenüber?
Das Weibchen baut das Nest alleine.
Die Eier sind grün.
Das Männchen bewacht manchmal das Nest, wenn das Weibchen sich Nahrung holt.
Ist das zärtliche Zuneigung?
Zärtliche Eigenschaften scheinen besser zu Wörtern zu passen, die keine Tiere sind. Zärtliche Geduld. Zärtlicher Blick. Zärtliche Annäherung. Zärtlicher Fuß ginge wieder weniger gut.

Vögel, die im Ei nicht den Gesang ihrer Eltern hören, haben eine geringere Chance, in freier Wildbahn langfristig zu überleben.

Um vom Sprachlichen zum Praktischen zu kommen: Singvögel haben in Nachzuchtprogrammen, bei denen die Eier unter menschlicher Aufsicht in Brutapparaten ausgebrütet werden, meist überraschend geringe Überlebenschancen. Warum das so ist, konnte sich lange niemand erklären, denn die Menschen, die sich diesen Tätigkeiten widmen, sind den Vögeln durchaus zärtlich zugetan. Kürzlich zeigte eine Studie, dass die Stille in den Brutkästen das Problem sein könnte. Vögel, die im Ei nicht den Gesang ihrer Eltern hören, haben, so scheint es, eine geringere Chance, in freier Wildbahn langfristig zu überleben, als solche, die in ihrer Zeit innerhalb der Eischale fortwährend dem Getriller, Geschnatter und Gepiepse der Sippschaft ausgesetzt waren. Sollten wir, falls wir Vögel züchten, um sie vor dem Aussterben zu bewahren, ihnen also Lieder vorträllern, analog, wie es Menschenmütter mit ihren Ungeborenen tun? Tatsächlich werden in manchen Zuchtprogrammen den Eiern aufgezeichnete Gesänge von Artgenossen aus der Natur vorgespielt.
Ist dieser Gesang das Zärtliche zwischen den Singvögeln?
Zärtliches ist nur zärtlich, wenn es auch als solches verstanden wird. Das Verstehen geht in der zärtlichen Geste Hand in Hand mit dem Empfinden.
Und ich denke, nur wir, der Spezies Mensch Zugehörige, können zärtliche Gefühle für Vögel aufbringen, obwohl wir keine Vögel sind. Dass wir ab und zu einen Vogel haben, ist ein Hinweis darauf. Vögel haben keinen Vogel.
Ich meine damit, dass die Fähigkeit zu einem Zärtlichkeitsempfinden phylogenetisch bedingt ist, sie hat damit zu tun, welche Art von Getier wir sind.

Zärtliches ist nur zärtlich, wenn es auch als solches verstanden wird.

Zärtliches empfinden Lebewesen, die sich im Kern ihres Seins für andere interessieren, soziale Wesen. Daraus folgt für mich, dass Ameisen mehr von Zärtlichkeit in unserem Sinn verstehen als Nachtfalter, obwohl manche Trockenrasen-Knotenameisen durchaus dazu fähig sind, sich um die Larven gewisser blauer Tagfalter so zu kümmern, als wären sie ihre eigenen Nachkommen. Und obwohl Nachtfalter durchaus an Weibchen und Männchen interessiert sind, aber eben nur an denen — und das Interesse an anderen aus Gründen der Fortpflanzung macht noch kein soziales Wesen. Sozial, wie ich es hier meine, hat nichts mit karitativen Aktivitäten zu tun, es geht darum, dass für „soziale Tiere“ ein Interesse an Artgenossen ihr Überleben fundamental bedingt. Nur für solche Tiere, würde ich sagen, hat Zärtlichkeit eine Bedeutung. Und ich würde auch sagen, je näher verwandt ein Lebewesen mit uns Menschen ist (siehe oben: phylogenetische Bedingung), desto näher kommt sein Zärtlichkeitsempfinden dem unseren. Vögel und Säugetiere sind demzufolge nicht nur diejenigen, für die wir Homo sapiens-en am ehesten „Gefühl der Zuneigung und damit verbundener Drang, dieser Zuneigung Ausdruck zu geben“ empfinden, sondern auch die Gruppen von Lebewesen, für die am ehesten zutrifft, dass sie zu solchen Gefühlen fähig sind. Wobei: Gefühle. Ich finde es einfach (über die poetische Überhöhung hinaus) schwierig, mir das Wort „Zuneigung“ für Nicht-menschliche-Tiere mit derselben Bedeutung zu füllen, die der Duden mir für dieses Wort zur Verfügung stellt.

Nacktheit ist eine wichtige Voraussetzung, um unser menschliches Verständnis von Zärtlichkeit zu ergründen.

Sicher, wenn ich einen Elefanten von klein an aufziehe, wird er mir womöglich mit einem heftigen Strahl aus seinen Rüssel die Ohren ausspülen; meine Katze rollt sich auf meinem Schreibheft zusammen; ein Hund legt mir dauernd seinen Kopf auf den Schoß, der Speichel tropft mir auf meine neue Wollhose, ich muss sie in die Waschmaschine tun.
Nacktheit, denke ich schließlich, ist eine wichtige Voraussetzung, um unser menschliches Verständnis von Zärtlichkeit zu ergründen, dieses nackte Beieinanderliegen — wer das nicht kennt, dem werden wir rätselhaft bleiben. Womöglich verstehen uns diesbezüglich Nacktmulle am besten, Nagetiere, Stachelschweinverwandte, Bewohner ostafrikanischer Wüsten, wo sie in verzweigten unterirdischen Bauten leben, die als einzige bekannte Säugetiere staatenbildend sind und aufgrund der extrem feinen Behaarung ihres Körpers nackt erscheinen.